Wie ein neues immersives Prüfungsformat Praxisnähe, Kompetenzorientierung und KI-Robustheit verbindet
Wie kann ein Prüfungsformat aussehen, das nicht nur Wissen abfragt, sondern berufliche Handlungskompetenz sichtbar macht? Dieser Frage widmeten sich Prof Dr. Sarah Maihaus, Prof. Dr. Thomas Fritz und Prof. Dr. Matthias Weßling aus dem Fachbereich Wirtschaft in einer digitalen Tafel-Runde mit einem ungewöhnlichen Beispiel aus den Wirtschaftswissenschaften: dem Format Simulation Leadership Meetings.
Als Inspiration diente dabei ein Ansatz, der unter diesem Namen von Bill Peterson und Brandon Campitelli bei Harvard Business Impact Education vorgestellt wurde. Maihaus, Fritz und Weßling griffen diese Idee auf, passten sie an ihren Lehrkontext an und erprobten sie erstmals als praxisnahes, kompetenzorientiertes und zugleich vergleichsweise KI-robustes Prüfungsformat.
Worum geht es beim Simulation Leadership Meeting?
Im Kern übernehmen Studierende die Leitung eines Meetings auf Basis einer Fallstudie. Eine Person oder ein kleines Team agiert als Meeting Owner und muss das Treffen vorbereiten, durchführen und im Nachgang die zentralen Ergebnisse in einem Protokoll dokumentieren. Weitere Beteiligte übernehmen Stakeholder-Rollen mit unterschiedlichen Interessen, Perspektiven und Zielkonflikten.
Gerade diese Konstellation macht das Format didaktisch stark, denn es reicht nicht, Inhalte wiederzugeben oder vorab Texte mit KI zu erstellen. Entscheidend ist vielmehr, Handlungsempfehlungen zu diskutieren, Interessen auszubalancieren, Rückfragen aufzunehmen und auf ein tragfähiges Ergebnis noch während dem Meeting hinzuarbeiten.
In der vorgestellten Umsetzung im fünften Semester im Kurs „Personalmanagement“ und in einem Kurs des Masterstudiums „Personal & Organisation“ erhielten die Studierenden den Auftrag, ein solches Meeting zu leiten.
Ein Beispiel:
In einer Fallstudie mussten die Studierenden für einen Automobilhersteller mit sinkenden Umsätzen und demotivierten Mitarbeitenden neue Ansätze für Vergütung und Motivation finden und mit den Stakeholdern (Führungskräfte, Betriebsräte und Finanzvorstände) diskutieren. Die Studierenden, die das Meeting leiten, mussten Probleme vorhersehen, die Meinung der Stakeholder einholen und gezielte Fragen beantworten und sogar ihre Empfehlungen spontan anpassen – genau so, wie es später in ihrem Beruf von ihnen erwartet wird. Die Stakeholder wurden dabei von anderen Studierenden sowie einer lehrenden Person gespielt – dies brachte gezielt Praxisnähe, Unvorhersehbarkeit und Realismus in das Setting ein.
Die Studierenden wurden auf das Format vorbereitet. Sie arbeiteten mit einer Fallstudie, wurden vorab gecoacht und erhielten Unterstützung zur Frage, wie gute Meetings vorbereitet, durchgeführt und dokumentiert werden. Dadurch war die Prüfung nicht einfach ein spontanes Rollenspiel, sondern eingebettet in eine didaktisch begleitete Lernphase.
Bewertet wurde dabei nicht nur, wie die Studierenden das Gespräch strukturierten und moderierten, sondern auch, wie die Stakeholder ihre Rollen ausgestalteten. Das Format verteilt Verantwortung auf mehrere Beteiligte und macht Leistung in einem sozialen, interaktiven Prozess sichtbar.
Tragfähige Vereinbarungen aushandeln
Die Stärke dieses Prüfungsformats liegt in seiner Nähe zur beruflichen Praxis. In vielen Arbeitsfeldern kommt es nicht nur darauf an, Fachwissen zu besitzen, sondern mit anderen Akteurinnen und Akteuren zu Entscheidungen zu kommen, Zielkonflikte sichtbar zu machen und tragfähige Vereinbarungen auszuhandeln.
Studierende müssen fachlich argumentieren, moderieren, mit Unsicherheit umgehen, Perspektiven integrieren und am Ende ein Ergebnis festhalten. Damit verschiebt sich die Prüfung weg von der reinen Reproduktion von Wissen hin zu einer Form der sichtbaren Handlungskompetenz.
KI-Robustheit
Während klassische Fallstudien mit Präsentationen die Studierenden verleiteten, das Denken an die KI auszulagern, lässt sich ein Format des „Simulated Leadership Meetings“ nicht ohne Weiteres an generative KI delegieren. Zwar kann (und sollte) KI bei der Vorbereitung helfen, doch die eigentliche Prüfungsleistung geht weit darüber hinaus und bildet die Arbeitswelt realistischer ab: Studierende müssen zuhören, situativ reagieren, ihre Empfehlungen manchmal anpassen und zu einer Business Entscheidung hinleiten.
Aufwändiger als eine klassische Klausur
So überzeugend das Format ist, so deutlich wurde in der Diskussion, dass sie aufwändiger als eine klassische Klausur ist. Die Vorbereitung der Rollen, die Gestaltung der Fallstudien, das Coaching der Studierenden und die Bewertung der Performanz im Meeting kosten Zeit.
Gerade die Bewertung ist anspruchsvoll: Wenn mehrere Personen in einer dynamischen Situation miteinander interagieren, ist Leistung nicht immer so leicht zu isolieren wie bei einer schriftlichen Prüfung. Eine neue Idee ist deshalb, die Beobachtenden künftig stärker einzubinden, etwa als assistierende Perspektive für Feedback oder Bewertung. Bislang sind sie im Setting eher Zuschauer:innen, könnten aber in Zukunft eine didaktisch wertvollere Rolle erhalten.
Wichtig war in der Umsetzung außerdem die Vorgabe, dass jede Person mindestens einmal sichtbar „auf der Bühne“ stehen sollte.
Auf andere Fächer übertragen? Agreement finden!
Für den Transfer braucht man kein wirtschaftswissenschaftliches Setting. Übertragbar ist vor allem die Struktur des Formats.
Ausgangspunkt ist ein größeres Thema oder Problemfeld. Daraus wird ein konkreter, entscheidungsbedürftiger Ausschnitt gewählt. Dieser Ausschnitt muss unterschiedliche, teilweise widerstreitende Interessen enthalten. Im Meeting besteht die Aufgabe dann darin, dass eine Person oder ein Team zwischen diesen Perspektiven vermittelt und zu einem Agreement, einer Empfehlung oder einer begründeten Entscheidung gelangt.
Besonders gut geeignet ist das Format dort, wo Lehrveranstaltungen bereits mit praktischen Problemen, Projekten, Fällen oder Praktika arbeiten. Aus einer rein theoriebasierten Vorlesung heraus ist die Umsetzung oft schwieriger. Wenn Studierende aber zuvor bereits an einem realitätsnahen Problem gearbeitet haben, kann ein abschließendes Meeting eine sehr überzeugende Prüfungsform sein.
Drei Ideen für den Transfer in andere Fachbereiche
Ingenieurwissenschaften
Hier ließe sich das Format an die Auswahl oder Anpassung einer technischen Lösung koppeln, etwa bei einem Bauteil, einer Brückenkonstruktion oder einem Prozessdesign. Der Meeting Owner müsste eine Lösung vertreten und zugleich auf Einwände aus Kostenperspektive, Sicherheit, Nachhaltigkeit oder Umsetzbarkeit reagieren. Das Meeting würde damit sehr nah an reale Abstimmungsprozesse in Planung und Entwicklung heranrücken.
Medizin- und Gesundheitsbereich
Im Gesundheitskontext könnte das Format als interprofessionelle Fallkonferenz gestaltet werden. Eine Person leitet das Meeting, während andere Stakeholder unterschiedliche Rollen aus Therapie, Pflege, Diagnostik, Administration oder Angehörigenperspektive übernehmen. Die Herausforderung läge darin, trotz unterschiedlicher Prioritäten eine gemeinsame, verantwortbare Entscheidung für das weitere Vorgehen zu erarbeiten.
Chemie
Ein denkbares Szenario wäre die Frage, ob ein neu entwickeltes Produkt oder Verfahren in die nächste Entwicklungsstufe gehen soll. Der Meeting Owner könnte die Rolle einer fachlich verantwortlichen Person übernehmen, während Stakeholder etwa aus Marketing, Finanzen und einer zweiten naturwissenschaftlichen Perspektive kommen. Die Prüfungsleistung bestünde darin, zwischen Wirksamkeit, Sicherheit, Herstellbarkeit, Kosten und Marktchancen zu einer tragfähigen Empfehlung zu gelangen.
Was Lehrende aus dem Beispiel mitnehmen können
Wer in der eigenen Lehre ohnehin mit Projekten, Fällen, Laborproblemen, Planungsaufgaben oder komplexen Praxissituationen arbeitet, findet hier möglicherweise einen Weg, Prüfungen neu zu denken hin zum sichtbaren Entscheiden, Kommunizieren und Verantworten.
Die Aufzeichnung der Tafel-Runde von Prof. Dr. Sarah Maihaus und Prof. Dr. Matthias Weßling finden Sie im ILIAS-Bereich des ZHQ