„Hochschulbildung und Demokratie: fachübergreifende und fachspezifische Perspektiven“

Herausgeberteam:
Prof. Dr. Miriam Barnat, FH Aachen
Dr. Britta Behm PD, Institut für Hochschulforschung an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg
Dr. Christiane Metzger, HAW Kiel
Dr. Peter Salden, Ruhr-Universität Bochum

Konzept/Call for Abstracts 

Das Hochschulrahmengesetz legt fest, dass ein Hochschulstudium Studierende nicht nur zu wissenschaftlicher und künstlerischer Arbeit, sondern auch zu verantwortlichem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat befähigen soll. Dieses Ziel von Hochschulbildung ist an den Hochschulen bis dato eher im Hintergrund geblieben. Neue Aufmerksamkeit kommt ihm aber in einer Zeit zu, in der in demokratischen Gesellschaften weltweit problematische Veränderungen wie bspw. eine zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit, die Ausbreitung von Populismus und Antipluralismus sowie eine Zurückdrängung demokratischer Institutionen zu beobachten sind. 

Umso wichtiger erscheint eine verstärkte Reflexion darüber, wie Demokratie und Hochschulbildung miteinander zusammenhängen, vor allem im Hinblick auf die Vorbereitung der Studierenden auf das Handeln in späteren beruflichen Tätigkeiten und gesellschaftlichen Kontexten. Konkret wäre zum Beispiel zu denken an 

  • Anforderungen einer verantwortungsvollen professionellen Entscheidungsfindung (etwa bzgl. Technikfolgenabschätzungen, in Bezug auf die Förderung einer demokratischen und multikulturellen Unternehmenskultur oder bzgl. des Umgangs mit etwaiger Demokratiefeindlichkeit und mit Rassismus im unmittelbaren Berufsalltag),
  • die Motivation und Möglichkeiten der Ausgestaltung gesellschaftlichen Engagements (z.B. ehrenamtliche Tätigkeiten, Mitwirkung in der Kommunalpolitik) oder
  • den Umgang mit Fake News und die Fähigkeit, auf wissenschaftliche Argumentationslogiken und deren Überzeugungskraft zurückgreifen und diese sicher anwenden zu können. 

Zwar existieren bereits Kompetenzrahmen zur Demokratiebildung, deren Adaption für Hochschulen zu prüfen wäre, etwa das vom Europäischen Rat entwickelte Reference Framework of Competences for Democratic Culture (Europarat/Bundeszentrale für politische Bildung 2023; dazu z.B. Anders et al. 2020, 196 ff.). Bisher liegen jedoch noch kaum Veröffentlichungen dazu vor, mit welchen Herausforderungen Hochschulabsolvent*innen typischerweise in den verschiedenen Berufsfeldern in Bezug auf demokratisch-verantwortungsvolles Handeln konfrontiert sind, welche Anforderungen an fachliche Kompetenzprofile und Bildungskonzepte daraus abzuleiten wären und wie die (Weiter-)Entwicklung dieser Kompetenzen und Bildungsanforderungen in der Hochschullehre fachspezifisch gefördert werden kann. Darüber hinaus deuten erste empirische Studien an, dass die Berücksichtigung demokratiebezogener Kompetenzen in die Praxis der Hochschullehre bislang nur zögerlich Eingang findet (Behm et al. 2025). 

Zur Bearbeitung dieser Thematik will der Sammelband beitragen. Konzepte und Ziele von Demokratiebildung an Hochschulen sollen beschrieben, fachbezogen konkretisiert und bestehende wie in der Erprobung befindliche Lehr-/Lernkonzepte sichtbar gemacht werden. Ziel ist es, Zugänge zur demokratieorientierten Weiterentwicklung von Studiengängen und Modulen zu schaffen und die entsprechende Lehrentwicklung zu unterstützen. 

Der Sammelband gliedert sich in zwei unterschiedlich ansetzende Themenbereiche: 

1: Fachübergreifende Fragestellungen und Herausforderungen

Der erste Teil des Bands adressiert fachübergreifende Fragestellungen wie zum Beispiel: 

  • Kompetenzentwicklung: Wie kann Demokratiebildung als Teil der Persönlichkeitsentwicklung an Hochschulen wirksam werden? Was ist darunter konkret zu verstehen und wie lässt sich dies für die Lehre auf der Ebene von Lehr-/Lernzielen geeignet fassen? Wie sind Demokratie-Kompetenzmodelle/-rahmen im Hinblick auf das tertiäre Bildungswesen hochschuldidaktisch einzuschätzen? 
  • Methodik: Wie ist didaktisch vorzugehen, damit Studierende in ihren demokratischen Kompetenzen gestärkt werden? Welche Lehr-/Lernmethoden unterstützen Demokratiebildung? 
  • Rahmenbedingungen: Wie können Hochschulen Rahmenbedingungen für die Lehre so gestalten, dass Ansätze der Demokratiebildung entwickelt werden und Wirkung entfalten können (z.B. durch Leitbilder oder Maßgaben für die Studiengangentwicklung)? 
  • politischer und rechtlicher Rahmen: In welchen politischen und rechtlichen Spannungsfeldern bewegen sich Lehrende im Bereich der Demokratiebildung und welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es in dieser Hinsicht? Gibt es beispielsweise so etwas wie eine politische Neutralitätspflicht in der Lehre und wie verhielte sich diese etwa zu der im Grundgesetz verankerten Bindung der Lehre an die Treue zur Verfassung? 
  • Lehrkompetenzentwicklung: Welche Formen der Weiterbildung gibt es für Lehrende mit Blick auf didaktische Anforderungen der Demokratiebildung sowie für den Umgang mit etwaigen konflikthaften Situationen?
  • Angrenzende Konzepte: In welchem Verhältnis steht Demokratiebildung zu angrenzenden oder thematisch überlappenden Konzepten wie z.B. Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE), interkulturelle Bildung oder Professionsethik? 

Zu diesen Fragestellungen freuen wir uns über theoretische, konzeptionelle oder empirische Beiträge. 

2: Fachspezifische Praxisbeispiele: Aus der Praxis für die Praxis – Zur Gestaltung und Implementierung

Im zweiten Teil des Sammelbands soll anhand praktischer Beispiele fachspezifisch vorgestellt werden, wie Demokratiebildung schon heute konkret in der Lehre realisiert wird oder sich in der Erprobung befindet. Von Interesse ist die Darstellung von Beispielen aus der Lehre, in denen u.a. folgende Aspekte thematisiert werden: 

  • Berufsfeld: Auf welche aus Demokratie-Perspektive relevanten Situationen müssen Studierende eines Fachs mit Blick auf ihre zukünftige Berufstätigkeit vorbereitet werden (z.B. bei der Zusammenarbeit mit Unternehmen und öffentlichen Stellen in einem menschenrechtsfeindlichen regionalen Umfeld, im Umgang mit Medien, in der Rolle der*des Fachexpert*in bei Bürgerversammlungen, Beteiligungsformaten u.Ä.)?
  • Lernziele: Wie werden demokratiebezogene Lernziele fachspezifisch konkret definiert und Studierenden kommuniziert? 
  • Lehr-Lernszenarien: Welche Lehr-Lernszenarien werden in den Fächern eingesetzt, um (fachspezifische und/oder fachübergreifende) Demokratiekompetenzen zu fördern?
  • Prüfungen: Wie werden demokratierelevante Lernziele fachspezifisch geprüft? 

Von Interesse ist besonders die Umsetzung in solchen Fächern, in denen Aspekte demokratischer Bildung nicht traditionell ihren Platz haben und sich Verbindungen nicht auf den ersten Blick ergeben – beispielsweise in den Ingenieurwissenschaften, den Naturwissenschaften oder in der Medizin.

Die Beschreibung der Praxisbeispiele soll theoriegestützt erfolgen, z.B. über die Fundierung der eigenen Herangehensweise durch den Bezug zu Kompetenzrahmen, auf didaktische Modelle oder auf professionstheoretische Konzepte. Die Praxisbeispiele sollten zudem eine kritische Reflexion des eigenen Konzepts beinhalten, z.B. ausgehend von Evaluationsdaten. 

Vorgehen

Der Auswahlprozess erfolgt zweistufig:

1) In der ersten Phase bitten wir um die Einreichung von Abstracts (Umfang: eine Seite, ca. 300 Wörter; zzgl. Literaturangaben) inkl. einer Zuordnung zu Teil 1 oder 2 des Bandes. Einreichungsfrist: 12.04.2026

2) Nach der Sichtung der Beiträge erhalten die Autor*innen eine Rückmeldung und ggf. eine Einladung zur Ausarbeitung eines Vollbeitrags. Einreichungsfrist: 30.09.2026

Der Band soll 2027 als Open Access-Publikation erscheinen. Die Verhandlungen mit geeigneten Verlagen befinden sich derzeit in der Klärung.

Abstracts und Rückfragen senden Sie bitte an: 
[email protected]
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Literatur

Anders, Y., Daniel, H.D., Bettina, H., Köller, O., Lenzen, D., McElvany, N., Roßbach, H.-G., Tina, S., Tippelt, R., & Wößmann L. (2020). Bildung zu demokratischer Kompetenz. Gutachten. Hgg. von der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. Waxmann. https://doi.org/10.31244/9783830941811

Behm, B., Kohler, U. & Pasternack, P. (Hrsg.) (2025). Schafft Wissen Demokratie? Gesellschaftlich-demokratische Teilhabe als Dimension des Studienerfolgs. Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-48981-6

Drerup, Johannes (2021). Demokratieerziehung und die Kontroverse über Kontroversitätsgebote. Zeitschrift für Pädagogik 67 4, S. 480–496. DOI: 10.25656/01:28774; 10.3262/ZP2104480

Europarat/Bundeszentrale für politische Bildung (2023). Referenzrahmen: Kompetenzen für eine demokratische Kultur. Deutschsprachige Ausgabe des Reference Framework of Competences for Democratic Culture (RFCDC), Band 1 Kontext, Konzepte und Modell. https://www.politik-lernen.at/rfcdc_demokratischekultur

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