Eine aktivierende Methode für mehr Perspektivenvielfalt in der Hochschullehre
Wie nehmen Studierende einen Ort wahr? Welche Perspektiven bleiben in klassischen Karten verborgen? Und wie lassen sich unterschiedliche Erfahrungen sichtbar machen?
Mit der Methode Kritisches Kartieren erhalten Lehrende ein Werkzeug, um Studierende dazu anzuregen, Räume gemeinsam zu erkunden, unterschiedliche Sichtweisen zu diskutieren und daraus neue Erkenntnisse zu entwickeln.
Kennengelernt habe ich diese Methode auf dem TREE Symposium, wo sie als Beispiel für partizipative und reflexionsorientierte Lehr- und Lernformate vorgestellt wurde.
Karten sind nie neutral
Ob Stadtpläne, Campuskarten oder digitale Kartendienste – Karten vermitteln häufig den Eindruck objektiver Wirklichkeit. Tatsächlich bilden sie jedoch immer eine bestimmte Perspektive ab.
Die Methode des Kritischen Kartierens setzt genau hier an. Ziel ist es, unterschiedliche Erfahrungen, Interessen und Sichtweisen sichtbar zu machen und gemeinsam zu reflektieren. Dadurch entstehen Karten, die nicht nur Orte darstellen, sondern auch gesellschaftliche Fragestellungen, Nutzungskonflikte oder bislang wenig beachtete Perspektiven.
So funktioniert die Methode
Der Ablauf ist bewusst einfach gehalten und lässt sich an unterschiedliche Fachrichtungen anpassen:
- Gemeinsam wird ein Thema oder Raum ausgewählt.
- Die Gruppe erkundet den Ort und sammelt Beobachtungen, Fotos oder Notizen.
- Anschließend werden die unterschiedlichen Eindrücke zusammengetragen.
- Gemeinsam entsteht eine neue Karte, die verschiedene Perspektiven miteinander verbindet.
- Zum Abschluss werden die Ergebnisse diskutiert und mögliche Konsequenzen oder Handlungsmöglichkeiten reflektiert.
Je nach Lehrveranstaltung können analoge Poster ebenso eingesetzt werden wie digitale Kartentools.
Einsatzmöglichkeiten an der FH Aachen
Die Methode eignet sich weit über geographische Fragestellungen hinaus. Beispiele sind:
- Analyse der Barrierefreiheit auf dem Campus
- Nachhaltigkeitsbezogene Erkundungen von Mobilität oder Ressourcen
- Untersuchung von Lern- und Aufenthaltsorten
- Analyse öffentlicher Räume aus verschiedenen Nutzer:innenperspektiven
- Dokumentation von Praxisprojekten in Kooperation mit externen Partner:innen
Für die Fachbereiche würde sich die Methode bei u.a. folgenden Themen eignen:
- FB1=Städtebau, Brücken, Fußwege
- FB2=Hochwasserschutz
- FB3=Schadstoffbelastungen
- FB4=Beschilderung, Stadtmarketing
- FB5=Lade-Infrastruktur
- FB6=Fluglärm-Zonen
- FB7=Leerstand, Wirtschaftsflächen
- FB8=Auto-Schiene
- FB9=Barrieren
- FB10=Wärmewende
Auch in ingenieurwissenschaftlichen, wirtschaftlichen oder sozialwissenschaftlichen Studiengängen lassen sich auf diese Weise komplexe Fragestellungen gemeinsam bearbeiten.
Warum lohnt sich die Methode?
Kritisches Kartieren fördert Kompetenzen, die in vielen Studiengängen zunehmend an Bedeutung gewinnen:
- kritisches Denken
- Perspektivwechsel
- kollaboratives Arbeiten
- systemisches Analysieren
- reflektierte Problemlösung
- Verknüpfung von Theorie und Praxis
- Einbinden der gesellschaftlichen Perspektive
Ein guter Einstieg in partizipative Lehre
Nicht jede innovative Lehrmethode muss aufwendig sein. Kritisches Kartieren zeigt, wie bereits mit einfachen Materialien oder digitalen Werkzeugen Lernprozesse entstehen können, bei denen Studierende selbst zu Forschenden werden und gemeinsam Wissen entwickeln.
Vielleicht bietet sich bereits in Ihrer nächsten Lehrveranstaltung die Gelegenheit, einen vertrauten Ort einmal aus einer neuen Perspektive zu betrachten.

2 Kommentare
tolle Idee…
Karten sind eine Möglichkeit Zusammenhänge verständlich zu beschreiben, zu erkennen. Ich bin gerade ganz angetan von der Visualisierung globaler Daten auf der Seite https://earth.nullschool.net/ – die Darstellung der aktuellen und aufgezeichneten Daten der Vergangenheit ermöglichen unsere Biosphäre „lebendig“ zu sehen.