Wie Architekturstudierende im Bachelor- und Masterstudium lernen, mit Komplexität, Verantwortung und Zukunft umzugehen
Klimawandel, Ressourcenknappheit, soziale Ungleichheiten, Strukturwandel und neue Formen von Mobilität stellen unsere Städte und Regionen vor tiefgreifende Transformationsprozesse. Architektur und Stadtplanung stehen damit nicht mehr primär vor der Aufgabe des Neubaus auf der „grünen Wiese“, sondern vor der anspruchsvollen Frage:
Wie können wir Bestehendes weiterdenken, umbauen und transformieren – verantwortungsvoll, gemeinwohlorientiert und zukunftsfähig?
Zwei Pflichtmodule im Studiengang Architektur der FH Aachen – Städtebau 2 im Bachelor sowie Stadt|Land im Master – widmen sich dieser Frage auf unterschiedliche Weise. Beide Formate zeigen exemplarisch, wie nachhaltige Entwicklung als Haltung in Studium und Lehre verankert werden kann.
Transformation im Bachelor: Analyse, Abwägung, Verantwortung
In Städtebau 2 (4. Semester B.A.) setzen sich Studierende mit den Grundlagen von Stadtplanung und Umbaukultur auseinander.
Der Einstieg erfolgt über eine kritische Auseinandersetzung mit der politischen Dimension von Stadtplanung. Stadt ist kein neutrales Produkt – sie ist Ergebnis von Aushandlungsprozessen zwischen Akteur:innen, Interessen und Machtstrukturen. Ziel ist es, früh ein Bewusstsein für Verantwortung zu entwickeln.
Methodisch-analytisches Arbeiten im Bestand
Im Zentrum steht die Transformation bestehender Wohngebiete in Aachens Stadtrandlagen. Die Studierenden analysieren:
- bauleitplanerische und satzungsrechtliche Rahmenbedingungen
- klimarelevante Faktoren (z. B. Überschwemmungsgebiete, Kaltluftschneisen)
- soziale und eigentumsrechtliche Strukturen
- baukulturelle Typologien und Freiraumqualitäten


Auf dieser Grundlage entwickeln sie differenzierte Nachverdichtungsstrategien. Varianten werden abgewogen, mit selbstgewählten Kriterien bewertet und – teilweise – durch Gespräche mit Anwohnenden validiert.
Die Lehrveranstaltung verlässt bewusst das klassische Vorlesungsformat: Nach Inputphasen moderieren Studierende Diskurse in Kleingruppen, die im Plenum reflektiert werden. Exkursionen machen planerische Konsequenzen im Stadtraum unmittelbar erfahrbar.
Den Abschluss bildet eine schriftliche Reflexion, in der fachliche Inhalte, Methodenwahl und eigene Entscheidungsprozesse kritisch hinterfragt werden.
Transformation im Master: Systemwissen, Zielwissen, Transformationswissen
In Stadt|Land (M.A.) wird Transformation als dreigliedriger Prozess verstanden:
- TRANSition – Wohin wollen wir? (Zielwissen)
- FORMat – Mit welchen Instrumenten? (Methodenwissen)
- AcTION – Mit welchen Akteur:innen und Prozessen? (Transformationswissen)
Dem vorgeschaltet ist eine analytische Annäherung (Systemwissen), die unterschiedliche Perspektiven integriert.
Inter- und transdisziplinärer Diskurs
Das Modul etabliert einen multiperspektivischen Diskurs mit internationalen, institutionellen und zivilgesellschaftlichen Akteur:innen aus u. a.:
- Stadtplanung
- Landschaftsarchitektur
- Sozialwissenschaften
- Umweltökonomie
- Klima- und Transformationspolitik
- künstlerischer Praxis und Aktivismus
Die Studierenden entwickeln Fragestellungen jenseits etablierter Narrative und präsentieren ihre Ergebnisse in experimentellen Vermittlungsformaten – etwa als Zeitung, Comic, Kurzfilm oder partizipatives Modell.

Architektur wird hier als relationale Disziplin verstanden: eingebettet in gesellschaftliche Prozesse, politische Aushandlungen und kulturelle Bedeutungszusammenhänge.
Fazit: Nachhaltigkeit nicht addieren, sondern integrieren
Die Beispiele zeigen: Nachhaltigkeit ist kein Add-on, kein isoliertes Modul und kein Schlagwort. Sie wird als architektonische Haltung vermittelt – im Bestand, im Diskurs, im Prozess.
Im Sinne des Frameworks der FH Aachen geht es um einen sukzessiven Kompetenzaufbau auf Studiengangsebene, nicht um punktuelle Einzelmaßnahmen. Transformation wird damit nicht nur Thema, sondern Methode.
Wenn Sie ein ähnliches Lehrprojekt umsetzen oder Nachhaltigkeit systematisch im Curriculum verankern möchten, unterstützt das ZHQ gerne mit Beratung, Austauschformaten oder Workshops rund um das Framework und dessen Anwendung.
1 Kommentar
Nachhaltigkeit nicht addieren, sondern integrieren:
In der Planung muss meiner Meinung nach auch das Thema Investoreninteresse implementiert sein. Nach einem Beitrag von Timo Leukefeld habe ich versucht im Bremer Umfeld eine Investitionsmöglichkeit in solche Projekte zu finden – nur einen einzigen Ansprechpartner habe ich gefunden – alle anderen Modernisierungen werden hier nach althergebrachten Konzepten umgesetzt. Hier besteht meiner Meinung nach noch enormes Potential seitens aller Beteiligten bereits während des Studiums Investorenmodelle in Bauen im Bestand zu implementieren und somit voranzutreiben um auf der einen Seite ausreichend bezahlbaren und im Umkehrschluss lukrativen Wohnungsbau für die Zukunft auf den Weg zu bringen.