Ist Chemie der Teufel?

Nachhaltigkeit lernen und lehren an der FH Aachen

Ein Interview mit Prof. Dr. Biel

Einleitung: Zwischen Plastiktüte und Innovationstreiber

Chemie hat ein Imageproblem. „Die Chemie – das ist doch die mit den Plastiktüten, mit Schadstoffen, mit Umweltproblemen…“ So oder so ähnlich lautet oft der erste Reflex. Doch dieser Ruf wird ihr nicht gerecht. Die Lehrveranstaltung „Nachhaltige Chemie I“ an der FH Aachen bricht mit diesen Denkmustern – und das auf inspirierende, transformative Weise.

Prof. Biel, Dozent am Fachbereich Chemie und Biotechnologie sowie Leiter des Instituts für Angewandte Polymerchemie (IAP), stellt im Interview klar: „Chemie kann der Anfang von nachhaltiger Entwicklung sein – nicht ihr Ende.“

Nachhaltigkeit als Denk- und Handlungsrahmen

Die Studierenden, welche sich mit Nachhaltigkeit in der Chemie beschäftigen, haben an dem Fachbereich Chemie und Biotechnologie die Möglichkeit dies in einem dreistufigen Konzept zu tun:

  • „Chemie verstehen lernen“ – durch die Grundlagenmodule bekommen die Studierenden das Verständnis für allgemeine Chemie,
  • „Nachhaltig denken lernen“ – durch die Lehrveranstaltung „Nachhaltige Chemie 1“ kommen die Studierenden zum Reflektieren und Perspektivwechsel,
  • „Nachhaltig handeln lernen“ – im 5. Semester können die Studierenden noch ein Modulpraktikum absolvieren, bei welchem es um die konkrete Umsetzung des Erlernten geht.

Besonders eindrucksvoll: Die Veranstaltung „Nachhaltige Chemie 1“ lebt nicht nur vom Stoff, sondern von der Diskussion. „Ich warte nicht auf die nächste Folie, sondern auf das nächste Argument,“ so der Dozent über seine PowerPoint-freie, diskursive Lehrmethode.

Die Studierenden werden dazu befähigt, systemisch zu analysieren, Zielkonflikte zu erkennen und zu hinterfragen: Ökonomie versus Ökologie, Performance versus Verantwortung. Ganz im Sinne des Frameworks der FH Aachen, das die nachhaltige Entwicklung von Lehre gezielt fördert.

Ein Beispiel: der unscheinbare Kassenzettel auf Thermopapier. Warum enthalten manche davon problematische Stoffe wie bis vor Kurzem Bisphenol A? Und: Wie könnte eine nachhaltige Alternative aussehen? In solchen Fällen zeigt sich, wie Nachhaltigkeit zum Innovationsmotor wird, wenn Studierende lernen, chemische, toxikologische und gesellschaftliche Aspekte ganzheitlich zu verknüpfen.

Praxis und Forschung verzahnt: Modulpraktikum im 5. Semester

Im 5. Semester gehen die Studierenden noch einen Schritt weiter: Sie erhalten keine vorgefertigten Versuchsanleitungen mehr, sondern entwickeln im gemeinsamen Modulpraktikum mit Helga Hummel eigene Ideen entlang von Forschungsfragen, etwa: „Kann man Itaconsäure aus der Bioökonomie konkurrenzfähig polymerisieren?“ Dieses Vorgehen schafft ein hohes Maß an Identifikation. Die Studierenden übernehmen Verantwortung – und bleiben auch mal freiwillig viel länger als geplant im Labor.

Nachhaltigkeit ist keine Schranke – sondern ein Sprungbrett

„Früher hieß Innovation: Mein Waschmittel wäscht besser als alle anderen. Heute geht’s um den nächsten Schritt und andere Fragen. Welche Materialien verbrauchen wir? Welche Alternativen gibt es und was sind die Auswirkungen auf Umwelt und Leben?“ Nachhaltigkeit wird dabei nicht als Einschränkung verstanden – sondern als kreative Herausforderung.

Fazit: Chemie ist, was wir daraus machen

Der vermeintliche „Teufel“ der Chemie entpuppt sich an der FH Aachen als ein Motor der Transformation. Durch nachhaltige Lehre, forschungsnahe Praxis und partizipative Didaktik zeigt sich:
Die Zukunft ist chemisch (oder „Chemie gestaltet Zukunft“) – und sie kann nachhaltig sein.

Interesse geweckt?

Bei Fragen zur didaktischen Umsetzung oder Interesse an Austausch unterstützt Imke Minrath vom ZHQ ([email protected]) mit Beratung, Materialien und Weiterbildungen.

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