Chancengerechter Studienerfolg ist ein Kernanliegen moderner Hochschulentwicklung. Die Forschung zeigt jedoch seit Jahren konsistent, dass Studierende mit einem eigenen oder elterlichen Migrationshintergrund häufiger ihr Studium abbrechen oder stark gefährdet sind, dies zu tun. Besonders relevant für die Arbeit des ZHQ ist dabei der Befund: Viele der identifizierten Risiken sind nicht unveränderbar – sie sind didaktisch, curricular oder strukturell adressierbar.
Forschungsstand: Studienabbruch und Migrationshintergrund
Studierende mit eigenem oder elterlichen Migrationshintergrund brechen häufiger ihr Studium ab als Studierende ohne Migrationshintergrund. Dies auch dann, wenn sie in Deutschland zur Schule gegangen sind. Die Bachelor-Abbruchquote unter diesen sog. Bildungs-Inländer:innen ist anderthalbmal so hoch wie die von Studierenden ohne Migrationshintergrund und liegt jüngst bei 41% statt 28% (Heublein et al., 2014: XVI, 263, 272; Ebert & Heublein, 2016: III; Heublein, Hutzsch & Schmelzer, 2022: 1; für Abbruchintentionen von Bildungsinländer:innen in Österreich siehe Zaussinger, 2024: 17% zu 12%). Wie lässt sich diese höhere Abbruchquote erklären?
Mehrere Studien haben die Verteilungen verschiedener Merkmale verglichen sowie Regressionsmodelle zur Erklärung eines Studienabbruchs im Hinblick auf den Migrationshintergrund berechnet. Drei dieser Studien mit besonders breiter Datenbasis (Ebert & Heublein, 2016: N=6.029; Klein & Neugebauer, 2023: N=16.969; Zaussinger, 2024: N=11.842) kommen zu folgenden Schlüssen:
Studierende mit Migrationshintergrund nehmen häufiger auch mit schlechteren Noten der Hochschulzugangsberechtigung (HZB) ein Studium auf. Diese übersetzen sich in schlechtere Studienleistungen und höhere Abbruchquoten (Ebert & Heublein, 2016; Klein & Neugebauer, 2023). Während Heublein, Richter, Schmelzer und Sommer (2014) hier negative Einflüsse schlechterer HZB-Noten und nicht-gymnasialer Schullaufbahnen aufzeigen, untermauern Daniel Klein und Martin Neugebauer (2023) dies zusätzlich durch Testscores für Lesekompetenz, -geschwindigkeit und mathematische Kompetenzen, da diese unabhängig von möglicherweise diskriminierender schulischer Notenvergaben sind. Bei gleichem Bildungsgrad der Eltern und gleichen Einschätzungen der eigenen akademischen Leistungen wird der Migrationsstatus jedoch insignifikant (Klein & Neugebauer, 2023) oder büßt neben anderen Faktoren deutlich an Erklärungskraft ein (Ebert & Heublein, 2016). Als weitere Aspekte, die Studienabbruch bei Bildungsinländer:innen befördern, erweisen sich geringere intrinsische Motivation (Nicht-Wunschfach; stärker extrinsisch motiviert durch Rat von Dritten) sowie eine ungesicherte Studienfinanzierung (Ebert & Heublein, 2016). Dabei zeigt sich, dass insbesondere Studierende mit der Merkmalskombination Migrationshintergrund und bildungsferneren Elternhäusern eine erhöhte Abbruchquote aufweisen, denn gerade das intersektionale Zusammenwirken beider Faktoren wirkt sich besonders negativ aus (Ebert & Heublein, 2016; Zaussinger 2024).
Gefragt nach Gründen für den Studienabbruch, werden von Abbrecher:innen mit Migrationshintergrund deutlich häufiger finanzielle Engpässe (40% zu 28%) und familiäre Gründe (21% zu 12%) angegeben als von Abbrecher:innen ohne Migrationshintergrund. Diese Unterschiede lassen sich jedoch nicht durch Unterschiede in der Bildungsherkunft erklären (Ebert & Heublein, 2016: 136). Während Leistungsprobleme insgesamt gleich häufig genannt werden (81% zu 79%), führen darunter Studierende mit Migrationshintergrund häufiger Probleme mit dem Studieneinstieg (36% zu 30%), endgültig nicht-bestandene Prüfungen (35% zu 27%) und fehlende Vorkenntnisse, die nicht ausgeglichen werden konnten (31% zu 25%), an (Ebert & Heublein, 2016: 120)
In den Regressionsmodellen (Ebert & Heublein, 2016; Zaussinger, 2024) erweist sich der Einfluss der sozialen und akademischen Integration der Studierenden als signifikant zur Erklärung des Studienabbruchrisikos. Akademische Integration bezeichnet nach Vincent Tinto (1975, 1993) die Identifikation mit dem Hochschulsystem sowie die eigene Leistungsfähigkeit bei Prüfungen, soziale Integration die gemeinschaftliche Einbindung mit anderen Studierenden und Lehrenden (Tinto, 1975: 104).
Alle drei Studien betonen jedoch, dass Migrationshintergrund eine grobe Verallgemeinerung ist und betrachten daher auch Unterschiede nach Herkunftsregion. Dabei zeigt sich, dass vor allem Studierende mit türkischem elterlichem Migrationshintergrund ein erhöhtes Abbruchrisiko besitzen. Dieses ist jedoch weitläufig auf schlechtere vorschulische Leistungen zurückzuführen (Klein & Neugebauer, 2023). Im Modell von Ebert und Heublein (2016) verliert der Einfluss eines türkischen familiären Hintergrunds bei Kontrolle der finanziellen Situation seine statistische Signifikanz. Bei gleichen HZB-Noten oder gleicher finanzieller Lage zeigen sich somit keine höheren Abbruchquoten für Studierende mit türkischem Elternhaus mehr.
Was bedeutet das für Lehrende und Studiengänge der FH Aachen?
Die Forschung zeigt zentrale Stellschrauben, die unmittelbar mit guter Lehre, Studienorganisation und studienbegleitender Unterstützung verknüpft sind. Zwei hochschuldidaktisch besonders relevante Bereiche:
1. Studieneinstieg bewusst gestalten
Probleme beim Übergang in die Hochschule werden von Studierenden mit Migrationshintergrund deutlich häufiger genannt.
→ Digitale Testverfahren, strukturierte Onboarding-Phasen, Einführung in Lernstrategien und transparente Erwartungskommunikation können hier stark entlasten.
2. Soziale & akademische Integration stärken
Lernräume, Gruppenarbeiten, Peer-Learning, Beziehungsgestaltung und vor allem die Kommunikation der Lehrenden haben messbaren Einfluss.
→ Auch internationale und interkulturelle Formate – ein eigener Bereich im Framework – tragen hierzu bei.
Das von der K2 der FH DESE Projekt von Prof. Dr. Sarah Maihaus, Prof. Dr. Andrea Upmann und Prof. Dr. Ansgar Kirsch hat den Studienabbruch für die FH Aachen genauer analysiert. Wir werden die Ergebnisse bald hier präsentieren. Außerdem gratulieren wir Ihnen zum Lehrinnovationsprojekt „Mindset Matters“, in dem sie ein starkes Netzwerk für die Studieneingangsphase aufbauen und Interventionen pilotieren möchten.
Literatur
Ebert, J., Heublein, U. (2017). Ursachen des Studienabbruchs bei Studierenden mit Migrationshintergrund. (Projektbericht) Hannover: DZHW. https://www.stiftung-mercator.de/content/uploads/2020/12/Ursachen_des_Studienabbruchs_bei_Studierenden_mit_Migrationshintergrund_Langfassung.pdf
Heublein, U., Hutzsch, C., & Schmelzer, R. (2022). Die Entwicklung der Studienabbruchquoten in Deutschland. (DZHW Brief 05|2022). Hannover: DZHW. https://doi.org/10.34878/2022.05.dzhw_brief
Heublein, U., Richter, J., Schmelzer, R., & Sommer, D. (2014). Die Entwicklung der Studienabbruchquoten an den deutschen Hochschulen. Statistische Berechnungen auf der Basis des Absolventenjahrgangs 2012 (Forum Hochschule 4|2014). Hannover: DZHW. https://www.dzhw.eu/pdf/pub_fh/fh-201404.pdf
Klein, D. & Neugebauer, M. (2023). A downside to high aspirations: Immigrants‘ (non-)succes in tertiary education. Acta Sociologica, 66 (4), 448-467. https://journals.sagepub.com/doi/reader/10.1177/00016993221148897
Tinto, Vincent. 1975. Dropout from higher education. A theoretical synthesis of recent research. Review of Educational Research, 45(1), 89–125.
Tinto, Vincent 1993. Leaving College: Rethinking the Causes and Cures of Student Attrition (2nd ed.). Chicago, IL: University of Chicago Press.
Zaussinger, S. (2024). Studienerfolg von Studierenden mit Migrationshintergrund – eine Analyse der Abbruchsintentionen der zweiten Zuwanderungsgeneration. Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 49, 581-611. https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s11614-024-00584-0.pdf