Kleine Checkliste für Folien und ILIAS
Internationalisierung in der Lehre muss nicht immer mit einem Auslandssemester, einer Partnerhochschule oder einer englischsprachigen Lehrveranstaltung beginnen. Manchmal reicht der Blick auf die eigenen Lehrmaterialien: Welche Perspektiven zeigen wir? Welche Quellen nutzen wir? Welche Beispiele prägen das fachliche Verständnis der Studierenden? Im Framework der FH Aachen zur Entwicklung von Studium und Lehre wird Internationalisierung nicht nur als Mobilität verstanden. Neben Auslandserfahrungen geht es auch um internationale fachliche Perspektiven, interkulturelle Kompetenzen und die Frage, wie Lehrangebote für unterschiedliche Studierendengruppen zugänglich werden. Genau hier können Lehrende oft mit kleinen, schnell umsetzbaren Schritten ansetzen.
Eine besonders einfache Möglichkeit: Internationale Quellen und Perspektiven in Folien, Skripten, Aufgaben und ILIAS-Kursen sichtbarer machen. Das ist kein Zusatzprojekt. Es ist eher ein kurzer Qualitätscheck für das, was ohnehin schon vorhanden ist.
Warum internationale Quellen mehr sind als „zusätzliche Literatur“
Lehrmaterialien transportieren immer auch eine Perspektive. Welche Autor:innen werden genannt? Aus welchen Ländern stammen Fallbeispiele? Welche Standards, Normen, Studien oder Daten werden genutzt? Welche Sprache dominiert die Materialien?
Gerade an einer Hochschule wie der FH Aachen, die stark anwendungsorientiert ausbildet und Studierende auf eine global vernetzte Arbeitswelt vorbereitet, lohnt sich dieser Blick. Viele Fachfragen sind heute international geprägt: technische Standards, Lieferketten, Nachhaltigkeitsfragen, Gesundheitsversorgung, Unternehmenskommunikation, rechtliche Rahmenbedingungen, Softwareentwicklung, Mobilität, Energieversorgung oder Stadtentwicklung.
Internationale Quellen helfen Studierenden dabei,
- fachliche Unterschiede zwischen Ländern und Regionen zu erkennen,
- die eigene Perspektive zu relativieren,
- internationale Fachsprache kennenzulernen
- und sich auf Arbeitskontexte vorzubereiten, in denen Kommunikation, Daten, Normen und Entscheidungen selten nur national geprägt sind.
Das passt unmittelbar zu den Zielen des Frameworks: Studierende sollen Kompetenzen aufbauen, die sie auf Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Internationalisierung vorbereiten.
Ein schneller Selbstcheck für Folien und ILIAS
Die folgende Checkliste kann bei der Überarbeitung einer einzelnen Sitzung, eines Foliensatzes oder eines ILIAS-Kurses genutzt werden. Es reicht schon, mit einem Material zu beginnen.
1. Sind internationale Fachquellen sichtbar?
Eine erste Frage kann lauten: Nutze ich ausschließlich deutschsprachige oder nationale Quellen – oder tauchen auch internationale Perspektiven auf? Das bedeutet nicht, dass jede Literaturliste komplett umgebaut werden muss. Schon ein zusätzlicher internationaler Fachartikel, ein internationaler Bericht, eine Norm, eine Studie oder ein Datensatz kann neue Perspektiven eröffnen.
Mögliche Umsetzung:
- „Zum Vergleich: Eine internationale Perspektive auf dieses Thema finden Sie in …“
- „Wie wird diese Fragestellung in anderen Ländern diskutiert? Lesen Sie dazu optional …“
- „Achten Sie beim Lesen darauf, welche Annahmen in der internationalen Quelle anders gesetzt werden.“
2. Gibt es mindestens ein internationales Beispiel?
Viele Lehrveranstaltungen arbeiten mit Beispielen. Diese Beispiele prägen, was Studierende als „typisch“ oder „normal“ wahrnehmen. Deshalb lohnt sich die Frage: Kann ein bestehendes Beispiel durch ein internationales ergänzt werden?
Das kann sehr klein beginnen:
- ein technisches Produkt im internationalen Marktvergleich,
- eine Fallstudie aus einem anderen Gesundheitssystem,
- ein Infrastrukturprojekt aus einem anderen Land,
- eine internationale Unternehmensentscheidung,
- ein Vergleich von Normen, Prozessen oder Kommunikationsweisen.
Wichtig ist nicht, dass das Beispiel besonders exotisch ist. Wichtig ist, dass Studierende erleben: Fachliche Entscheidungen entstehen in Kontexten.
3. Sind Materialien für internationale Studierende verständlich?
Internationalisierung heißt auch: Zugänglichkeit prüfen. In ILIAS-Kursen betrifft das oft ganz praktische Punkte.
- Sind Abkürzungen erklärt?
- Sind organisatorische Hinweise eindeutig formuliert?
- Sind Aufgabenstellungen sprachlich klar?
- Ist erkennbar, welche Materialien verpflichtend und welche optional sind?
- Gibt es Hinweise, wo Studierende bei Verständnisproblemen nachfragen können?
Besonders hilfreich sind kurze Orientierungssätze:
- „Dieses Material ist prüfungsrelevant.“
- „Diese Quelle dient der Vertiefung.“
- „Die Aufgabe kann auf Deutsch oder Englisch bearbeitet werden, sofern nicht anders angegeben.“
- „Bitte melden Sie sich, wenn Ihnen Begriffe, Beispiele oder Erwartungen unklar sind.“
Solche Sätze wirken klein, können aber viel Unsicherheit reduzieren.
4. Wird der Perspektivwechsel ausdrücklich gemacht?
Internationale Quellen entfalten ihren didaktischen Mehrwert besonders dann, wenn Studierende nicht nur lesen, sondern vergleichen, einordnen und reflektieren. Dafür reichen oft einfache Reflexionsfragen:
- Welche Annahmen liegen der internationalen Quelle zugrunde?
- Was wäre in Deutschland ähnlich, was anders?
- Welche fachlichen, kulturellen, rechtlichen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflussen die Lösung?
- Welche Perspektive fehlt möglicherweise?
Damit wird Internationalisierung nicht nur sichtbar, sondern fachlich produktiv.
Kleine Veränderung, große Wirkung
Der Vorteil dieses Ansatzes liegt in seiner Niedrigschwelligkeit. Als Lehrende müssen Sie keine neue Lehrveranstaltung entwickeln, keine Kooperation aufbauen und keine zusätzlichen Termine organisieren. Sie können mit einem Foliensatz, einer Aufgabe oder einer ILIAS-Seite beginnen.
Ein möglicher erster Schritt für die nächste Woche:
Wählen Sie eine Sitzung aus. Ergänzen Sie eine internationale Quelle, ein internationales Beispiel und eine kurze Reflexionsfrage. Damit wird Internationalisierung nicht zu einem zusätzlichen Thema neben dem Fachinhalt, sondern zu einer Erweiterung des fachlichen Blicks.
Mini-Checkliste für die nächste Materialüberarbeitung
- Eine internationale Fachquelle ergänzen
- Ein internationales Beispiel sichtbar machen
- Zentrale Fachbegriffe zweisprachig aufführen
- Abkürzungen und organisatorische Hinweise erklären
- Eine Reflexionsfrage zum Perspektivvergleich stellen
Wer diese fünf Punkte in einem ILIAS-Kurs oder einem Foliensatz prüft, hat bereits einen konkreten Schritt in Richtung internationalisierter Lehre getan.
Ausblick
Das ZHQ unterstützt Lehrende dabei, solche kleinen Schritte didaktisch sinnvoll in bestehende Lehrveranstaltungen einzubauen. Dabei geht es nicht um perfekte Internationalisierung auf einen Schlag, sondern um machbare Impulse, die zur jeweiligen Lehrveranstaltung, zum Fach und zu den Studierenden passen. Vielleicht ist der nächste Schritt also nicht die große Umstellung, sondern eine einzelne Folie mit neuer Perspektive.
Das Beitragsbild wurde im Mai 2026 mit Hilfe einer KI erstellt.

Peter Schreiber
Kompetenzentwicklung für Studierende | Teaching Analysis Polls