Ein Schlüssel für internationale und diversitätssensible Bildung
Einleitung
Die Fähigkeit, mit Mehrdeutigkeit, Unsicherheit und widersprüchlichen Informationen konstruktiv umzugehen, wird in Bildungs- und Arbeitskontexten zunehmend als zentrale Schlüsselkompetenz erkannt. In der internationalen Hochschullehre ist diese Fähigkeit unter dem Begriff Ambiguitätstoleranz besonders relevant: Sie ermöglicht es Studierenden, kulturelle Diversität nicht nur auszuhalten, sondern produktiv für den eigenen Lern- und Erkenntnisprozess zu nutzen.
Vor dem Hintergrund einer sich globalisierenden Arbeitswelt sowie gesellschaftlicher Transformationsprozesse ist Ambiguitätstoleranz nicht nur wünschenswert, sondern notwendig – sowohl im individuellen Handeln als auch in der strukturellen Ausrichtung von Studiengängen.
Bedeutung im Kontext der FH Aachen
Im Framework zur Entwicklung von Studium und Lehre der FH Aachen ist Ambiguitätstoleranz im Handlungsfeld Internationalisierung (7.2) explizit verankert. Dort wird sie gemeinsam mit Intercultural Awareness als zentrale Kompetenz für die Lehre in einer diversen Hochschullandschaft beschrieben. Ziel ist es, Studierende dazu zu befähigen, kulturelle Unterschiede wahrzunehmen, eigene Denkmuster zu reflektieren und in interkulturellen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Das Framework fordert nicht nur die punktuelle Thematisierung dieser Aspekte, sondern deren systematische curriculare Integration – im Sinne einer nachhaltigen Kompetenzentwicklung.
Quelle: FH Aachen (2024). Framework zur Entwicklung von Studium und Lehre, Abschnitt 7.2
Didaktische Ansätze zur Förderung von Ambiguitätstoleranz
Ambiguitätstoleranz kann im Studium durch gezielte didaktische Maßnahmen gefördert werden – sowohl auf der Mikroebene einzelner Lehrveranstaltungen als auch auf curricularer Ebene. Im Folgenden sind exemplarische Methoden aufgeführt, die sich unabhängig vom Fachkontext einsetzen lassen:
- Offene Problemstellungen: Komplexe Aufgaben, die mehrdeutig sind und keine eindeutige Lösung erlauben, fördern die Fähigkeit zur Navigation in unsicheren Entscheidungssituationen.
- Perspektivwechsel: Diskussionen aus unterschiedlichen kulturellen, disziplinären oder gesellschaftlichen Blickwinkeln stärken das Verständnis für Pluralität und alternative Deutungsmuster.
- Reflexionsräume: Die explizite Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung, kulturellen Prägungen oder Irritationen im Lernprozess erhöht die Selbstwahrnehmung und kritische Reflexionsfähigkeit.
- Fehlerfreundliche Lehrformate: Lernumgebungen, in denen Unsicherheiten zugelassen werden und keine „abschließenden“ Antworten erwartet werden, schaffen Raum für Ambiguität als Lernmoment.
Fazit
Ambiguitätstoleranz ist eine grundlegende Kompetenz, um Studierende auf eine komplexe, dynamische und global vernetzte Lebens- und Arbeitswelt vorzubereiten. Sie stärkt die Fähigkeit zur kritischen Urteilsbildung, fördert konstruktive Konfliktfähigkeit und trägt zur Entwicklung interkultureller Handlungskompetenz bei.
Die Hochschullehre bietet zahlreiche Möglichkeiten, diese Kompetenz gezielt zu fördern – auch ohne großen strukturellen Aufwand. Entscheidend ist die bewusste Integration von Offenheit, Perspektivenvielfalt und Reflexion in Lehrprozesse. Das ZHQ unterstützt Lehrende der FH Aachen bei der didaktischen Umsetzung mit Beratung, Materialien und Workshops.
Weiterführende Literatur
- Rubiales‑Núñez, J., et al. (2024). Evolution of ambiguity tolerance research: a scientometric and bibliometric analysis. Frontiers in Psychology.
- McLain, D. L., et al. (2015). Ambiguity tolerance in organizations: definitional, measurement, and conceptual clarity. Frontiers in Psychology.
- Young, S. L., & Oosthuizen, R. (2021). Measuring Tolerance for Ambiguity: A German‑Language Adaption and Validation of the Tolerance for Ambiguity Scale (TAS). MISS Journal.
- Groß, D., et al. (2023). Die Explosion gesellschaftlicher Ambiguität. In: Ambiguität und Organisation. Springer.
- Budner, S. (1962). Intolerance of ambiguity as a personality variable. Journal of Personality, 30(1), 29–50.

Peter Schreiber
Kompetenzentwicklung für Studierende | Teaching Analysis Polls