Diversität in der Studieneingangsphase gestalten

Workshop-Entwicklung mit/für Erstsemester-Tutor:innen

„Wo war das vorher? Das Thema ist eines der wichtigsten Punkte.“ Dieser Satz fiel beim zweiten Seminarwochenende des Erstsemesterprojekts (ESP) – und fasst zusammen, was im Verlauf des Workshops immer deutlicher wurde: Diversität in der Studieneingangsphase ist kein abstraktes Zusatzthema, sondern berührt konkrete Fragen des Ankommens, der Orientierung und der Zugehörigkeit. Wie können Studierende bereits zu Beginn ihres Studiums für Diversität sensibilisiert werden? Und welche Rolle spielen dabei Erstsemester-Tutor:innen, die neue Studierende beim Ankommen an der Hochschule begleiten? Mit diesen Fragen beschäftigte sich in den vergangenen Wochen ein gemeinsamer Entwicklungsprozess mit dem ESP, das an der FH Aachen die verpflichtende Ausbildung der Erstsemester-Tutor:innen organisiert. Ausgangspunkt waren Gespräche Mitte März zu den Ergebnissen der DESE-Studie und der Frage, wie sich daraus konkrete Impulse für die Studieneingangsphase ableiten lassen. Schnell wurde deutlich, dass Diversität nicht nur theoretisch betrachtet werden sollte. Ziel war ein Format, das Erfahrungen sichtbar macht, Reflexion ermöglicht und angehenden Tutor:innen praxisnahe Impulse für ihre Rolle mitgibt.

Vom Forschungsergebnis zum Praxisformat

Nach mehreren Feedback-Runden entstand gemeinsam die Idee eines Workshop-Formats beziehungsweise eines „Markts der Möglichkeiten“, um die Tutor:innen in ihrer besonderen Rolle zu stärken: Sie befinden sich selbst häufig noch nah an den Erfahrungen des Studienstarts und sind zugleich wichtige Ansprechpersonen für Erstsemester-Studierende – oft auf Augenhöhe und in Situationen, in denen Unsicherheit, unterschiedliche Voraussetzungen oder Fragen von Zugehörigkeit eine große Rolle spielen. Das ESP griff diese Grundidee auf, entwickelte sie weiter und erarbeitete daraus ein Workshop-Konzept, das eng an der Zielgruppe ausgerichtet war. Der Prozess war kollaborativ angelegt: Ideen wurden diskutiert, angepasst und immer wieder daraufhin geprüft, ob sie für angehende Tutor:innen verständlich, anschlussfähig und praktisch nutzbar sind.

Reflexion statt fertiger Antworten

Vor der Integration in die Tutor:innen-Ausbildung wurde das Format in einem Probelauf mit verschiedenen Teilnehmenden getestet. Es zeigte sich, wie unterschiedlich Menschen auf Diversitätsthemen blicken. Manche Situationen wirkten auf den ersten Blick selbstverständlich, andere lösten Unsicherheit oder Diskussionen aus. Genau darin lag eine Stärke des Formats: Es ging nicht darum, eindeutige Antworten vorzugeben, sondern Räume für Reflexion und Perspektivwechsel zu schaffen. Besonders wirksam war die Verbindung aus persönlichen Erfahrungen, offenen Diskussionen und Beispielen aus dem Hochschulalltag. Viele Aha-Momente entstanden nicht durch Input, sondern im Austausch miteinander.

Was im Austausch mit angehenden Tutor:innen sichtbar wurde

Beim zweiten Seminarwochenende wurde deutlich, wie gut sich das Workshop-Konzept in die Tutor:innen-Ausbildung einfügte. Ausgehend von konkreten Erfahrungen der Teilnehmenden entstand ein offener Austausch darüber, wie unterschiedlich Studierende an der Hochschule ankommen – und welche Rolle Tutor:innen dabei spielen können, dieses Ankommen bewusster und inklusiver zu gestalten. Es begann mit einer Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ausgangsbedingungen von Studierenden. Themen wie Nebenjobs, Wohnsituation, Erfahrungen im Hochschulumfeld oder die Frage, ob jemand als Erstakademiker:in an die Hochschule kommt, machten sichtbar: Studierende starten formal gemeinsam, bringen aber sehr verschiedene Voraussetzungen mit. Die Übung eröffnete einen niedrigschwelligen Zugang zum Thema und wurde von den Teilnehmenden positiv aufgenommen.

Foto: Arbeitsergebnisse Schlagworte

Im weiteren Verlauf entwickelte sich ein intensiver Austausch über exkludierende Erfahrungen in der Erstsemesterzeit. Die genannten Beispiele zeigten, dass Ausschlüsse nicht immer offensichtlich entstehen. Häufig liegen sie in alltäglichen Situationen: in Sprache, in unausgesprochenen Erwartungen oder in der Frage, wer sich selbstverständlich angesprochen fühlt. Auffällig war, dass die Teilnehmenden nicht bei der Beschreibung von Problemen stehen blieben. Aus den Diskussionen entstanden konkrete Ideen, wie Erstsemester-Angebote inklusiver gestaltet werden können. Ein Beispiel war der Vorschlag eines Workshops oder Crashkurses für Erstakademiker:innen, in dem zentrale Begriffe, Abkürzungen und Strukturen aus dem Hochschulkontext erklärt werden. Solche Ansätze zeigten, wie viel Potenzial darin liegt, die Perspektive der neuen Tutor:innen aktiv einzubeziehen. Zugleich weitete sich der Blick auf die Frage, wie eine inklusive Erstsemesterzeit überhaupt sichtbar und kommunizierbar wird. Mitgedacht zu werden reicht nicht immer aus; Erstsemester-Studierende müssen auch erkennen können, dass ihre unterschiedlichen Voraussetzungen, Fragen und Bedürfnisse einen Platz haben. Inklusion entsteht daher nicht nur durch einzelne Maßnahmen, sondern auch durch Haltung, Ansprache und die Gestaltung von Räumen, in denen Unsicherheiten ausgesprochen werden dürfen.

Insgesamt entstand der Eindruck einer sehr engagierten Gruppe von zwölf Studierenden, die ihre Aufgabe als Erstsemester-Tutor:innen mit großer Motivation und Verantwortungsbewusstsein angehen wollen. Der Workshop unterstützte sie dabei, eigene Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln und den Blick für die unterschiedlichen Voraussetzungen zu schärfen, mit denen Studierende an die Hochschule kommen. Die ruhige und empathische Moderation durch das ESP trug wesentlich dazu bei, dass persönliche Erfahrungen eingebracht, Unsicherheiten ausgesprochen und konkrete Ideen weitergedacht werden konnten.

Warum solche Formate wichtig sind

Der gemeinsame Prozess mit dem ESP zeigt, wie wertvoll die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteur:innen an der Hochschule sein kann, wenn aus Forschungsergebnissen konkrete Praxisformate entstehen. Diversität, Studieneingangsphase und Hochschulentwicklung greifen hier unmittelbar ineinander. Gerade in der Anfangsphase des Studiums entscheidet sich häufig, ob Studierende Orientierung finden, sich angesprochen fühlen und Zugang zu den unausgesprochenen Regeln des Hochschulalltags erhalten. Der Workshop mit den zukünftigen Tutor:innen macht sichtbar, wie stark diese Erfahrungen von Kommunikation, impliziten Erwartungen und niedrigschwelligen Zugängen geprägt sind. Daraus ergeben sich Fragen, die über die Tutor:innen-Ausbildung hinausweisen: Welche Begriffe, Routinen und Erwartungen werden im Hochschulalltag vorausgesetzt? Wer erkennt sich in Beispielen, Materialien und Kommunikationsformen wieder? Wo können kleine Anpassungen Orientierung erleichtern, ohne Anforderungen zu senken? Und wie kann sichtbar werden, dass unterschiedliche Studienrealitäten von Anfang an mitgedacht werden?

Impulse für eine inklusivere Studieneingangsphase

Aus dem Workshop lassen sich einfache, aber wirkungsvolle Ansatzpunkte ableiten:

  • zentrale Begriffe, Abläufe und Abkürzungen zu Beginn explizit erklären
  • unausgesprochene Erwartungen sichtbar machen
  • Unsicherheiten als normalen Teil des Studienstarts benennen
  • Kommunikationswege und Unterstützungsangebote klar darstellen
  • Beispiele, Methoden und Situationen so wählen, dass unterschiedliche Studienrealitäten mitgedacht werden
  • Räume schaffen, in denen Fragen gestellt werden können, ohne Vorwissen vorauszusetzen

Fazit

Das Seminarwochenende hat gezeigt, dass Diversität in der Studieneingangsphase besonders wirksam bearbeitet werden kann, wenn konkrete Erfahrungen, Reflexion und Handlungsmöglichkeiten zusammenkommen. Aus einer gemeinsamen Idee ist ein Format entstanden, das Sensibilisierung nicht abstrakt behandelt, sondern an den Alltag von Studierenden anknüpft.

Die Zusammenarbeit mit dem ESP macht deutlich, wie aus Forschungsergebnissen praxisnahe Impulse entstehen können: gemeinsam entwickelt, erprobt und mit Blick auf die Studierenden weitergedacht. Das Ergebnis ist ein Beitrag zu einer Studieneingangsphase, in der unterschiedliche Voraussetzungen sichtbarer werden und Inklusion nicht als Zusatz verstanden wird, sondern als Teil einer reflektierten Hochschulkultur.

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Peter Schreiber
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