Ein Einblick in unseren Change-Prozess am Fachbereich Energietechnik
Alternativ vielleicht: Wie lässt sich der Themenkomplex Nachhaltigkeit so im Curriculum verankern, dass er nicht als Zusatzthema nebenherläuft, sondern zum integralen Bestandteil der ingenieurwissenschaftlichen Ausbildung wird? Vor dieser Frage standen wir – Elisabeth Nierle, Linda Steuer-Dankert und Martin Pieper – am Fachbereich Energietechnik der FH Aachen.
Im Zuge der Reakkreditierung der Bachelorstudiengänge im Fachbereich Energietechnik stand eine umfassende Überarbeitung der Curricula an. Also nutzten wir die Chance: Unser Ziel war es, Nachhaltigkeit konsequent als Querschnittsthema zu verankern – und gleichzeitig das Kollegium im Zuge partizipativer Formate stark mit einzubinden, statt – wie oft üblich – rein „top-down“ Vorgaben zu setzen. Wie uns das gelungen ist und welche Impulse andere Fachbereiche daraus ziehen können, zeigen wir in unserem Beitrag „Change Management zur ganzheitlichen Integration von Nachhaltigkeit in ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen“. In diesem Blogartikel geben wir einen Blick hinter die Kulissen.
Warum überhaupt ein Change-Prozess?
Klimawandel, Ressourcenknappheit, ESG-Kriterien, CSRD & Co. – unsere Absolvent:innen werden in einer Arbeitswelt ankommen, in der die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeitsaspekten kein „Nice to have“ mehr ist, sondern fachliche Voraussetzung. Gleichzeitig ist Ingenieurwesen per se komplex: Technik, Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft greifen ineinander.
Uns war bewusst:
- Einzelne Nachhaltigkeits-Vorlesungen reichen nicht um die Komplexität der Thematik stringent mit den Ingenieurwissenschaften verknüpfen zu können.
- Wir brauchen Kompetenzen, nicht nur Inhalte.
- Die Ansätze müssen die Lebenswirklichkeit unserer Studierenden aufgreifen und dürfen nicht nur auf einem abstrakten Level und rein deskriptiv stattfinden.
- Und wir brauchen echte Veränderung im System – also im Curriculum, in der Lehrkultur und im Miteinander am Fachbereich.
Genau hier setzt unser Change-Ansatz an.
Was wir konkret gemacht haben
Der Prozess lief über etwa ein halbes Jahr und umfasste 41 Lehrende aus drei Fachrichtungen (Elektrotechnik, Maschinenbau, Physikingenieurwesen). Auf der Grundlage einer Ist-Analyse des Fachbereichs – orientiert an einem zielgruppengerechten und systemischen Change-Ansatz – entwickelten wir das Herzstück unseres Vorgehens: Eine Kombination aus moderierter interdisziplinärer Zusammenarbeit und partizipativen Formaten, strukturiert in drei Schritten, welche den üblichen Akkreditierungsprozess inkl. Framework Workshops ergänzen:

1. Arbeitsgruppen: Was sollen unsere Studierenden können?
Wir haben zwei Arbeitsgruppen eingesetzt:
1. Allgemeine Kompetenzen im Nachhaltigkeitskontext
Auf Basis einer umfangreichen Literaturrecherche haben wir definiert, welche „Sustainability Skills” unsere Studierenden brauchen. Entstanden ist ein Kompetenzprofil, das unter anderem folgende Aspekte umfasst::
- Kritisches Denken – z. B. Diskurse über Nachhaltigkeit hinterfragen, statt Buzzwords zu übernehmen.
- Systemisches Denken – Zusammenhänge zwischen Technik, Gesellschaft, Ökologie und Wirtschaft erkennen.
- Vorausschauendes Denken – mit Szenarien arbeiten und langfristige Folgen technischer Entscheidungen einschätzen.
- Reflexion über Ethik und Werte – eigenes Handeln und Normen kritisch beleuchten.
- Kooperationsfähigkeit & emotionale Intelligenz – gemeinsam Lösungen entwickeln und Konflikte konstruktiv angehen.
- Handlungskompetenz – aus all dem konkrete, verantwortungsvolle Praxis machen.
2. Fachliche Kompetenzen im Nachhaltigkeitskontext
Parallel dazu haben wir zusammengestellt, welche Themen in unseren ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen eine wesentliche Rolle spielen sollen, z. B.:
- Lebenszyklusanalysen, Wirkungsgrade, Kreislaufwirtschaft
- Normen, Standards und Berichtspflichten (z. B. CSRD)
- Corporate Social Responsibility, Greenwashing, X-Washing
- Fachspezifische Themen wie funktionale Sicherheit oder der Water-Energy-Food Nexus
Wichtig: Wir haben keinen starren Pflichtkatalog erstellt, sondern eine Themenlandkarte, aus der Lehrende passend zu ihrem Modul schöpfen können. So bleibt die Freiheit von Forschung und Lehre gewahrt – bei gleichzeitigem roten Faden durchs Studium.

2. Welche Lehrformate passen dazu?
Kompetenzen brauchen passende Lerngelegenheiten. In einer weiteren Schleife haben wir daher geschaut:
- Welche Lehr-/Lernformate unterstützen die Entwicklung dieser Nachhaltigkeitskompetenzen besonders gut?
- Und welche Formate nutzen wir am Fachbereich bereits – wo bauen wir also auf, statt bei null anzufangen?
In unserem Beitrag zeigen wir, wie Formate wie Diskussionen & Debatten, problembasierte Ansätze, Projektarbeit, Planspiele und Simulationen, Peer-Learning und Reflexionsaufgaben auf die einzelnen Kompetenzbereiche einzahlen. Spannend war hier: Vieles gibt es am Fachbereich bereits – wir haben es sozusagen „sichtbar” und strategisch nutzbar gemacht.
3. Excel als Curriculums-Lupe: Wo steckt Nachhaltigkeit schon – und wo noch nicht?
Aus diesen Bausteinen ist ein sehr praktisches Tool entstanden: Eine übersichtliche Tabelle, in der für jeden Studiengang und jedes Semester festgehalten ist:
- Welche Kompetenz wird wo adressiert?
- Welche Lehrformate werden genutzt?
- Welche Nachhaltigkeitsthemen werden in welchem Modul aufgegriffen?
- Welche Ziele gibt es pro Semester (inkl. erster KPIs)?
Die Tabellen habenbei uns im Kollegium einige Aha-Momente ausgelöst: Plötzlich war für alle sichtbar,
- wo wir schon ziemlich weit sind,
- wo sich Inhalte doppeln,
- und wo Lücken klaffen.
Studiengangworkshops & Curriculumwerkstatt: Vom Excel-Sheet zur gelebten Praxis
Mit diesen Vorarbeiten haben wir das Konzept ausgerollt:
- In studiengangspezifischen Workshops (jeweils zwei Termine à vier Stunden) haben die Lehrenden ihrer Studiengänge die Tabellen gemeinsam ausgefüllt, diskutiert und angepasst. Dabei ging es u. a. darum, Überfrachtung einzelner Semester zu vermeiden, einen „roten Faden“ über alle Studienphasen hinweg zu legen und Nachhaltigkeit in bereits bestehende Module sinnvoll zu integrieren, statt neue „Insellösungen“ zu schaffen.
- In einer abschließenden Curriculumwerkstatt kamen dann alle Lehrenden des Fachbereichs zusammen. Hier stand im Fokus:
- Wie greifen die Studiengänge ineinander?
- Wo sind interdisziplinäre Formate möglich?
- Stimmen unsere fachbereichsweiten Ziele mit den konkreten Modulplänen überein?
Dieser Schritt hatte einen angenehmen Nebeneffekt: Das oft zitierte „Silodenken“ zwischen Fachrichtungen wurde aufgebrochen – viele Kolleg:innen haben zum ersten Mal bewusst gesehen, wie ähnlich ihre Fragen, Herausforderungen und Ideen eigentlich sind.
Was wir gelernt haben
Ein paar Dinge, die wir aus dem Prozess mitnehmen:
- Partizipation ist kein „nice extra“, sondern entscheidend. Ohne die aktive Einbindung des Kollegiums (inkl. Skeptiker:innen) wäre der Prozess entweder ins Leere gelaufen – oder auf Widerstand gestoßen.
- Psychologische Sicherheit wirkt Wunder. Offene Diskussionen über Unsicherheiten („Wie soll ich Nachhaltigkeit in mein sehr technisches Modul bringen?“) haben Vertrauen geschaffen – und Raum für kreative Lösungen.
- Veränderung braucht Strukturen UND Menschen. Tabellen, Definitionen und Konzepte sind wichtig – lebendig werden sie aber erst in Workshops, Gesprächen und in der konkreten Lehrpraxis.
- Nachhaltigkeit ist ein Marathon, kein Sprint. Die eigentliche Bewährungsprobe kommt jetzt: in der Umsetzung der neuen Curricula, in Weiterbildungen, im Monitoring und in der nächsten Reakkreditierungsrunde.
Und was haben andere Fachbereiche davon?
Unser Vorgehen ist natürlich auf die Rahmenbedingungen des Fachbereichs Energietechnik zugeschnitten. Aber viele Elemente lassen sich übertragen, zum Beispiel:
- mit Kompetenzen & Themen statt mit Einzelveranstaltungen zu starten,
- vorhandene Stärken und Lehrformate sichtbar zu machen,
- über Arbeitsgruppen – Studiengangworkshops – Curriculumwerkstatt einen Bogen von Expertise zu breiter Beteiligung zu schlagen,
- und Nachhaltigkeit als kontinuierlichen roten Faden zu verstehen, der sich durch alle Semester zieht.
Wer an einem eigenen Change-Prozess in Richtung Nachhaltigkeit arbeitet (oder ihn gerne starten würde), findet in unserem Beitrag sowohl konkrete Tools als auch didaktische und organisationsbezogene Reflexionen dazu, warum wir welche Schritte gewählt haben. Bei der konkreten Umsetzung helfen wir natürlich auch gerne interessierten Fachbereichen. Zudem kann man sich ans Team Internationalisierung und Nachhaltigkeit des ZHQ und an das Team für Curriculumentwicklung am ZHQ wenden.
Lust, tiefer einzusteigen?
Wenn dich interessiert, wie genau wir die Kompetenzprofile entwickelt haben, wie die Tools aufgebaut sind und welche theoretischen Modelle aus Change Management und Hochschuldidaktik uns geleitet haben, lohnt sich ein Blick in unseren vollständigen Beitrag:
Wir freuen uns sehr, wenn er dich inspiriert, Nachhaltigkeit auch in deinem Fachbereich systematisch zu verankern.
Ansprechpartner:innen im ZHQ
Beratung zu den Strategiethemen Internationalisierung und Nachhaltigkeit in Studium und Lehre
Beratung zu Curriculumentwicklung

Martin Pieper
Professor für Mathematik und Simulation
Dekan des Fachbereich 10 - Energietechnik
Mitglied:
Senatskommission für Studium und Lehre
Institut NOWUM-Energy