Wie gelingt Internationalisierung im Hochschulalltag – jenseits von Austauschprogrammen und englischsprachigen Lehrveranstaltungen?
Um dieser Frage nachzugehen, haben wir mit Felix Hüning, Lehrender am Fachbereich 5 der FH Aachen und Initiator des Moduls „Sprachtandem und interkultureller Austausch“, sowie mit Oliver Berlin von Little World gesprochen. Gemeinsam blicken sie auf die ersten Erfahrungen eines Pilotprojekts zurück, das digitale Möglichkeiten mit persönlichen Begegnungen verbindet. Das Gespräch eröffnete dabei nicht nur spannende Einblicke in die Entwicklung des Lehrformats, sondern lieferte auch wertvolle Anregungen für Lehrende, die Internationalisierung stärker in ihre eigene Lehre integrieren möchten.
Ausgangspunkt: Sprache lernt man nicht nur im Sprachkurs
Die Idee entstand aus einer Beobachtung, die viele Lehrende kennen. Internationale Studierende verfügen häufig bereits über die erforderlichen Sprachzertifikate. Auf dem Campus entsteht jedoch oft ein anderes Bild.
„Im Studienalltag zeigt sich häufig, dass insbesondere das Verstehen und freie Sprechen eine große Herausforderung bleibt.“
– Felix Hüning
Auch die Rückmeldungen der Studierenden gingen in dieselbe Richtung. Gewünscht wurde weniger ein weiterer Sprachkurs als vielmehr Gelegenheiten, Deutsch im Alltag anzuwenden und dabei andere Studierende kennenzulernen.
So entstand ein Lehrformat, das Sprachförderung, interkulturelles Lernen und selbstorganisiertes Arbeiten miteinander verbindet. Von Beginn an stand das Ziel im Mittelpunkt, Räume für persönliche Kontakte zu schaffen, die über das reine Sprachlernen hinausgehen.
Begegnungen brauchen einen Rahmen
Eine der wichtigsten Erfahrungen des Pilotprojekts lautet: Interkultureller Austausch entsteht selten zufällig.
Internationale und lokale Studierende besuchen zwar dieselben Lehrveranstaltungen, echte Begegnungen ergeben sich jedoch nicht automatisch. Lehrveranstaltungen können deshalb gezielt Gelegenheiten schaffen, bei denen Studierende miteinander ins Gespräch kommen und voneinander lernen.
Für das Pilotprojekt wurde dafür ein hybrides Konzept entwickelt. Präsenzveranstaltungen wie Kick-off, ein Live-Event im Makerspace des FB 5 und Abschlusspräsentation bildeten den persönlichen Rahmen. Ergänzend kam die digitale Plattform Little World zum Einsatz. Sie wurde speziell entwickelt, um sprachlichen und interkulturellen Austausch zu fördern und unterstützt Hochschulen dabei, Studierende unkompliziert miteinander zu vernetzen und regelmäßige Gespräche organisatorisch zu begleiten.
Im Modul übernahm Little World dabei vor allem organisatorische Aufgaben: Die Plattform erleichterte das Matching geeigneter Tandempartner, ermöglichte flexible Terminabsprachen unabhängig von Stundenplänen, dokumentierte die geführten Gespräche und half dabei, den Kontakt auch zwischen den Präsenzveranstaltungen aufrechtzuerhalten. Dadurch entstand ein kontinuierlicher Kommunikationsraum, ohne dass zusätzlicher organisatorischer Aufwand für Lehrende oder Studierende entstand. Gleichzeitig stärkte das Format die Eigenverantwortung der Teilnehmenden, da sie ihre Gespräche selbstständig planen und gestalten konnten.
„Unsere Plattform schafft genau diese Momente – niedrigschwellig und sicher –, indem sie Deutschlernende und Muttersprachler* zu Alltagsgesprächen zusammenbringt. In dieser Zeit erleben beide, dass der andere Mensch individueller ist als jedes Klischee.“
– Oliver Berlin
Die Erfahrungen machten zugleich deutlich: Digitale Werkzeuge schaffen keine Beziehungen – sie schaffen die Voraussetzungen dafür. Sie erleichtern Organisation, Vernetzung und Kontinuität. Entscheidend bleibt jedoch, dass die eigentlichen Begegnungen zwischen den Menschen stattfinden.
Ein besonderer Moment war das gemeinsame Treffen im Makerspace. Hier wurden aus digitalen Kontakten persönliche Begegnungen. Einige Teilnehmende trafen sich anschließend auch außerhalb des Lehrangebots wieder.
„Es ist schön zu sehen, wie aus digitalen Begegnungen echte Freundschaften und analoge Treffen entstehen. Genau das ist für uns ein Zeichen, dass das Projekt wirkt.“
– Oliver Berlin
Gerade diese Verbindung aus digitaler Flexibilität und bewusst gestalteten Präsenzformaten erwies sich als eine der größten Stärken des Konzepts.
Interkulturelle Kompetenz entsteht durch Erfahrungen
Der größte Lernerfolg liegt deshalb nicht ausschließlich im Ausbau der Sprachkompetenzen.
Internationale Studierende gewinnen mehr Sicherheit beim Sprechen und fühlen sich schneller an der Hochschule willkommen. Gleichzeitig entwickeln lokale Studierende ein besseres Verständnis für unterschiedliche Perspektiven und kulturelle Prägungen.
Solche Erfahrungen fördern nicht nur Sprachkompetenzen. Wer miteinander spricht, Missverständnisse erlebt, Lösungen findet und unterschiedliche Sichtweisen kennenlernt, entwickelt Offenheit und Handlungssicherheit für internationale Kontexte – Fähigkeiten, die sich in klassischen Lehrformaten nur schwer vermitteln lassen.
Darüber hinaus stärkt das Konzept Selbstorganisation, Kommunikationsfähigkeit und Eigenverantwortung. Die Teilnehmenden gestalten ihren Lernprozess aktiv mit und übernehmen Verantwortung für den gemeinsamen Austausch.
Auch Herausforderungen gehören zur Lehrinnovation
Wie jedes neue Lehrformat brachte auch dieses Pilotprojekt Herausforderungen mit sich.
Eine der größten bestand darin, die Studierenden beim selbstorganisierten Lernen zu unterstützen. Da die Gespräche eigenständig vereinbart wurden, fiel es einigen Teilnehmenden schwer, den Kontakt über das gesamte Semester kontinuierlich aufrechtzuerhalten. Zusätzliche Online-Gruppentreffen erwiesen sich deshalb als sinnvolle Ergänzung. Sie stärkten den Austausch innerhalb der Gruppe und halfen vielen Studierenden, kontinuierlich am Ball zu bleiben.
Auch das Matching der Tandems spielte eine wichtige Rolle. Motivation, gemeinsame Interessen und passende Gesprächspartner beeinflussen maßgeblich, wie intensiv der Dialog gelingt.
Für Felix Hüning gehört genau diese kontinuierliche Weiterentwicklung zum Wesen innovativer Lehre.
„Einfach anfangen, Erfahrungen sammeln und das Format auf Basis des Feedbacks weiterentwickeln – genau so entstehen gute Lehrinnovationen.“
– Felix Hüning
Was können Lehrende daraus mitnehmen?
Auch wenn sich das Pilotprojekt speziell dem interkulturellen Austausch widmet, lassen sich einige Erkenntnisse auf viele Lehrveranstaltungen übertragen.
Internationale Kontakte brauchen Gestaltung. Lehrveranstaltungen profitieren davon, wenn sie gezielt Situationen schaffen, in denen Studierende gemeinsam arbeiten, diskutieren oder Tandems bilden. Begegnungen entstehen selten zufällig – sie brauchen einen didaktischen Rahmen.
Digitale Werkzeuge können diesen Prozess sinnvoll unterstützen. Sie erleichtern Organisation, Matching, Terminplanung und Dokumentation und schaffen dadurch Freiräume für das Wesentliche: den persönlichen Austausch. Ihr Mehrwert liegt nicht in der Technik selbst, sondern darin, Zusammenarbeit einfacher und nachhaltiger zu ermöglichen.
Persönliche Treffen bleiben unverzichtbar. Die Erfahrungen aus dem Pilotprojekt zeigen, dass gerade die Kombination aus digitalen Austauschmöglichkeiten und ausgewählten Präsenzformaten besonders wirkungsvoll ist.
Lehrinnovationen dürfen wachsen. Nicht jedes Detail muss von Beginn an perfekt sein. Pilotprojekte liefern wertvolle Erkenntnisse, die helfen, Lehrformate kontinuierlich weiterzuentwickeln und besser an die Bedürfnisse der Studierenden anzupassen.
Internationalisierung als gelebte Hochschullehre
Das Pilotprojekt zeigt beispielhaft, wie Internationalisierung im Sinne des Frameworks der FH Aachen konkret umgesetzt werden kann. Es fördert Sprachkompetenzen, stärkt Intercultural Awareness und Handlungsfähigkeit in interkulturellen Situationen und trägt zu einer gelebten Willkommenskultur auf dem Campus bei.
Vor allem macht das Praxisbeispiel deutlich, dass Internationalisierung nicht erst mit einem Auslandssemester beginnt. Sie beginnt dort, wo Lehrende bewusst Lernräume schaffen, in denen Studierende miteinander ins Gespräch kommen.
Dafür braucht es häufig keine aufwendigen neuen Curricula. Entscheidend sind gut gestaltete Begegnungen, passende didaktische Rahmenbedingungen und der Mut, neue Formate auszuprobieren und gemeinsam mit den Studierenden weiterzuentwickeln.
Für Lehrende liegt darin eine ermutigende Botschaft: Internationalisierung lässt sich Schritt für Schritt in die eigene Lehre integrieren – dort, wo Studierende gemeinsam lernen, miteinander sprechen und voneinander lernen.
Hinweis: Dieser Text wurde mit Hilfe von KI geschrieben.

Peter Schreiber
Kompetenzentwicklung für Studierende | Teaching Analysis Polls