Gruppenarbeiten interkulturell sensibel anleiten – ohne Zusatzaufwand

Gruppenarbeiten gehören in vielen Studiengängen zum Lehralltag. Sie fördern fachlichen Austausch, Zusammenarbeit, Problemlösen und Kommunikation. Gleichzeitig zeigen sich in Gruppenarbeiten häufig Unterschiede, die im normalen Vorlesungsgeschehen weniger sichtbar sind: Erwartungen an Zusammenarbeit, Kommunikationsstile, Rollenverständnisse, Umgang mit Kritik oder Unsicherheit. In international zusammengesetzten Gruppen können diese Unterschiede besonders deutlich werden. Das bedeutet nicht, dass Gruppenarbeiten komplizierter werden müssen. Oft helfen schon kleine Anpassungen in der Anleitung, damit Zusammenarbeit klarer, fairer und lernwirksamer wird. Der entscheidende Punkt: Interkulturell sensible Gruppenarbeit braucht nicht zwingend mehr Zeit. Sie braucht vor allem klarere Kommunikation.

Warum Gruppenarbeit interkulturell sensibel gedacht werden sollte

Studierende bringen unterschiedliche Erfahrungen mit Lehre, Autorität, Feedback, Teamarbeit und Kommunikation mit. Manche sind es gewohnt, in Gruppen sehr direkt zu diskutieren. Andere warten eher auf eine klare Anweisung. Manche stellen Rückfragen sofort. Andere empfinden Rückfragen an Lehrende als unhöflich oder vermeiden es, Unsicherheit öffentlich zu zeigen. Das Framework der FH Aachen greift genau solche Aspekte im Bereich Internationalisierung auf. Es fragt unter anderem danach, ob Studierende Ambiguitätstoleranz und Intercultural Awareness entwickeln, ob sie in interkulturellen Situationen handlungsfähig werden und ob interkulturelle Gegebenheiten in Lehrveranstaltungen bewusst berücksichtigt werden. Gruppenarbeit ist dafür ein besonders geeigneter Ort – nicht als zusätzliches Thema, sondern mitten im fachlichen Arbeiten.

Der häufigste Stolperstein: unausgesprochene Erwartungen

Viele Schwierigkeiten in Gruppenarbeiten entstehen nicht, weil Studierende nicht kooperieren wollen. Sie entstehen, weil Erwartungen unausgesprochen bleiben.

Was heißt „aktive Mitarbeit“?
Darf man einer Idee widersprechen?
Wie wird entschieden?
Wer dokumentiert?
Wann ist ein Beitrag „gut genug“?
Wie gehen Gruppen mit unterschiedlichen Sprachständen um?
Was passiert, wenn jemand sehr still ist?

Für Lehrende ist vieles davon selbstverständlich. Für Studierende ist es das nicht immer. Eine interkulturell sensible Anleitung macht Erwartungen explizit. Das hilft allen Studierenden – nicht nur internationalen.

Fünf kleine Stellschrauben für klarere Gruppenarbeit

1. Rollen kurz benennen

Eine einfache Rollenklärung kann Gruppenarbeit deutlich strukturierter machen. Dabei geht es nicht darum, starre Rollen vorzuschreiben. Es reicht, wenn Studierende wissen, welche Funktionen gebraucht werden.

Beispiel für eine Aufgabenstellung:

„Klären Sie zu Beginn kurz, wer in Ihrer Gruppe die Diskussion moderiert, wer Ergebnisse dokumentiert und wer am Ende offene Fragen sammelt.“

Oder:

„Achten Sie darauf, dass jede Person mindestens eine fachliche Beobachtung oder Rückfrage einbringt.“

Diese Formulierungen sind schnell ergänzt und verhindern, dass sich Rollen nur nach Sprachsicherheit, Lautstärke oder Vorerfahrung verteilen.

2. Beteiligung konkret machen

„Diskutieren Sie in der Gruppe“ klingt einfach, ist aber sehr offen. Besser ist eine präzisere Formulierung.

Statt:
„Diskutieren Sie die Aufgabe in der Gruppe.“

Besser:
„Sammeln Sie zunächst einzeln zwei Gedanken. Tauschen Sie sich anschließend in der Gruppe aus und markieren Sie eine Gemeinsamkeit und einen Unterschied in Ihren Einschätzungen.“

Diese Struktur gibt auch Studierenden Sicherheit, die nicht sofort in eine offene Diskussion einsteigen. Gleichzeitig wird Beteiligung planbar und sichtbar.

3. Unterschiedliche Perspektiven als Ressource markieren

Internationale oder kulturell unterschiedliche Perspektiven sollten nicht als Problem erscheinen. Sie können fachlich produktiv sein, wenn sie in die Aufgabe integriert werden.

Mögliche Formulierung:

„Prüfen Sie, ob Ihre Lösung in einem anderen Land, einer anderen Organisation oder einem anderen kulturellen Kontext genauso funktionieren würde. Welche Anpassungen wären nötig?“

Oder:

„Welche Annahmen über Kommunikation, Arbeitsweisen oder Entscheidungsprozesse stecken in Ihrer Lösung?“

So wird Interkulturalität nicht losgelöst vom Fach behandelt, sondern mit fachlicher Urteilsbildung verbunden.

4. Rückfragen normalisieren

In manchen Lehr- und Lernkulturen wird erwartet, dass Studierende erst fragen, wenn sie sehr sicher sind, dass ihre Frage berechtigt ist. In anderen Kontexten sind spontane Rückfragen selbstverständlich. Für die Zusammenarbeit kann es helfen, Rückfragen aktiv zu legitimieren.

Mögliche Formulierung zu Beginn der Gruppenarbeit:

„Rückfragen sind Teil der Aufgabe. Wenn etwas unklar ist, notieren Sie die Frage bitte sichtbar für die Gruppe. Unklarheiten helfen uns zu erkennen, wo die Aufgabenstellung präzisiert werden muss.“

Oder:

„Es ist ausdrücklich erwünscht, Begriffe, Vorgehensweisen und Erwartungen zu klären.“

Diese Sätze kosten kaum Zeit, senken aber die Schwelle zur Beteiligung.

5. Feedbackregeln knapp vorgeben

Feedback kann kulturell sehr unterschiedlich verstanden werden: als Hilfe, als Kritik, als Bewertung oder als Gesichtsverlust. Gerade bei Peer-Feedback lohnt sich eine einfache Struktur.

Beispiel:

„Geben Sie Feedback in drei Schritten:

  1. Was ist bereits klar und überzeugend?
  2. Wo haben Sie eine Rückfrage?
  3. Welcher nächste Schritt wäre hilfreich?“

Diese Struktur vermeidet rein negative Rückmeldungen und macht Feedback handlungsorientiert.

Eine Musterformulierung für ILIAS oder Folien

Die folgende Formulierung kann direkt in Aufgabenstellungen übernommen oder angepasst werden:

Hinweis zur Zusammenarbeit:
„In dieser Aufgabe arbeiten Sie in Gruppen. Klären Sie zu Beginn kurz Ihre Rollen: Wer moderiert, wer dokumentiert, wer achtet auf offene Fragen? Achten Sie darauf, dass jede Person eine Perspektive einbringen kann. Unterschiedliche Erfahrungen, Sprachstände und fachliche Zugänge sind ausdrücklich erwünscht. Wenn Begriffe, Erwartungen oder Vorgehensweisen unklar sind, halten Sie diese Fragen fest. Sie sind Teil des Lernprozesses.“

Diese Formulierung macht drei Dinge gleichzeitig: Sie strukturiert die Aufgabe, sie wertschätzt Unterschiedlichkeit und sie normalisiert Unsicherheit.

Was Lehrende dadurch gewinnen

Interkulturell sensible Anleitung ist nicht nur für Studierende hilfreich. Auch Lehrende profitieren .Damit wird Gruppenarbeit nicht zusätzlich belastet, sondern oft effizienter.

  • Gruppen arbeiten selbstständiger, weil Erwartungen klarer sind.
  • Rückfragen werden konkreter, weil Unsicherheiten benannt werden dürfen.
  • Konflikte lassen sich früher erkennen, weil Rollen und Prozesse sichtbar werden.
  • Die fachliche Diskussion wird tiefer, weil unterschiedliche Perspektiven gezielt einbezogen werden.

Drei schnelle Umsetzungen für die nächste Lehrveranstaltung

Erstens: Ergänzen Sie bei einer Gruppenaufgabe eine kurze Rollenklärung.
Zweitens: Formulieren Sie Beteiligung konkret, z. B. mit einer Einzeldenkphase vor der Gruppendiskussion.
Drittens: Fügen Sie eine Reflexionsfrage hinzu, die internationale oder kulturelle Kontexte fachlich relevant macht.

Diese drei Schritte lassen sich in wenigen Minuten vorbereiten und können direkt in Folien oder ILIAS eingebunden werden.

Neue Beiträge nicht verpassen

Wir versenden wöchentlich News aus dem Blog an die Abonnement-Liste. Wenn Sie möchten können Sie sich in diese Liste eintragen. Das Abo kann jederzeit beendet werden.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Peter Schreiber
Beiträge

Kompetenzentwicklung für Studierende | Teaching Analysis Polls

Schreibe einen Kommentar