Teaching Analysis Poll (TAP): Wie Feedback Räume öffnet – und Lehre verändert

Wenn plötzlich etwas sichtbar wird: Durchbrechen der „Mauer des Schweigens“
Situation 1: Ein Setting, das Lehrenden vertraut vorkommen dürfte: eine eher „mathematiklastige“ Vorlesung, 60 eingeschriebene Studierende, von denen ungefähr 20 regelmäßig zur Vorlesung erscheinen – und trotz offener Atmosphäre, Gesprächsangeboten und ehrlichem Interesse an Studierenden-Feedback von der Lehrperson, bleiben Rückmeldungen aus und erfragtes Feedback zur Lehrveranstaltung vage. Für Prof. Dirk Müller stand in dieser Situation in seiner Vorlesung eine zentrale Frage im Raum: Was passiert eigentlich hinter dieser „Mauer des Schweigens“? und hat in seiner Lehrveranstaltung ein Teaching Analysis Poll (TAP) durchführen lassen.
Denn im TAP entsteht ein anderer Raum: moderiert, ohne Lehrperson und mit der Möglichkeit für Studierende, geschützt und strukturiert Rückmeldung zur Lehrveranstaltung zu geben – entlang von drei Leitfragen:

Was ist für die Studierenden in der Lehrveranstaltung lernförderlich? Was ist für sie lernhinderlich? Welche Verbesserungsvorschläge haben sie für die hinderlichen Punkte?

Das Ergebnis war für Prof. Müller kein diffuses Stimmungsbild, sondern eine Sammlung konkreter, umsetzbarer Hinweise. Was ihn besonders positiv überrascht hat, war, dass die Studierenden eigenständige, konstruktive Verbesserungsvorschläge eingebracht haben, die er daraufhin schon im laufenden Semester umgesetzt hat, z.B. eine Probeklausur zur besseren Vorbereitung oder ein Glossar für zentrale Begriffe.
Bemerkenswert daran: Diese Ideen waren zuvor nie geäußert worden – auch nicht auf direkte Nachfrage. Nicht, weil sie nicht existierten, sondern weil das passende Setting fehlte.
Das TAP machte für Dirk Müller bislang unsichtbare Perspektiven der Studierenden sichtbar und eröffnete einen Dialog auf Augenhöhe. Gleichzeitig sendete die Durchführung selbst ein starkes Signal an seine Studierenden: Ich interessiere mich für eure Sicht – und bin bereit, etwas zu verändern.
Gerade diese Kombination aus strukturiertem Feedbackraum und sichtbar gelebtem Interesse erwies sich für den Professor als zentraler Motivationsfaktor. Das TAP wurde nicht als pures Evaluationsinstrument erlebt, sondern als Zugang zu Perspektiven, die im regulären Lehralltag verborgen bleiben.

Auf dem richtigen Weg? Wenn Feedback bestätigt, irritiert und schärft
Situation 2: ein kleiner Kurs, eine Lehrperson, die zum ersten Mal das Modul gibt und eigene Erfahrungen aus der Praxis einbringen möchte. Die Ausgangslage ist eine andere: weniger „Schweigen“, vielmehr die Frage, ob die eigenen Lehrziele eigentlich wie beabsichtigt bei den Studierenden ankommen.
Das durchgeführte TAP brachte in diesem Fall keine grundlegend neuen Erkenntnisse – und genau darin lag seine Stärke. Prof. Kai Gehrmann beschreibt es so:

„Das TAP hat mir geholfen zu verstehen, ob ich auf dem richtigen Weg bin.“

Die Rückmeldungen bestätigten viele seiner eigenen Wahrnehmungen – etwa, dass längere frontale Phasen von Studierenden kritisch gesehen werden und sie Gastvorträge von Praktiker:innen sehr schätzten. Doch durch das gemeinsame, priorisierte Feedback im TAP bekamen diese Punkte eine neue Verbindlichkeit und wurden daraufhin gezielt von ihm weiterentwickelt, sodass die Studierenden im zweiten Teil des Semesters davon bereits profitieren konnten.
Besonders wertvoll fand Kai Gehrmann dieses Feedback als Neuberufener, der aus der Praxis kommt und neu in der Hochschullehre ist. Ohne Vergleichswerte oder Routinen fehle häufig die Orientierung: Funktioniert das, was ich tue? Kommt es tatsächlich so an, wie ich es beabsichtigt habe?
In diesem Zusammenhang spielte auch die Aufbereitung der Ergebnisse eine wichtige Rolle. Der strukturierte TAP-Bericht, der den Lehrpersonen nach dem TAP zugeschickt und dann gemeinsam mit dem TAP-Team des ZHQ besprochen wird, empfand Prof. Gehrmann als „spannend und motivierend“ – und habe dazu beigetragen, ein eigenes Verständnis für die Rolle als Lehrperson im neuen Arbeitskontext zu entwickeln.

Die beiden Beispiele zeigen: TAP wirkt nicht nur dann, wenn „Probleme“ sichtbar gemacht werden müssen. Es entfaltet seinen Mehrwert sowohl als Türöffner für bislang unausgesprochene Perspektiven als auch als Resonanzraum zur Einordnung und Bestätigung. In beiden Fällen geht es aber letztlich um dasselbe: Lehre aus der Perspektive der Lernenden besser zu verstehen – und darauf aufbauend weiterzuentwickeln.

Mehr als Feedback: Wie TAP die Beziehung zu Studierenden verändert
Die Rückmeldungen aus einer Studierendenbefragung zeigen, dass das TAP als ehrlicheres und zugänglicheres Format wahrgenommen wird als klassische Fragebögen. Studierende schätzen vor allem, dass sie Zeit haben, ihre Gedanken zu entwickeln und diese im Austausch mit anderen zu schärfen. Die gemeinsame Diskussion wird dabei als besonderer Mehrwert erlebt: Perspektiven können reflektiert, ergänzt und gewichtet werden. Standardisierte Evaluationen hingegen erscheinen vielen eher als „abzuarbeitende“ Aufgabe – mit entsprechend begrenzter Motivation, sich differenziert einzubringen.
Über diese inhaltlichen Aspekte hinaus wird eine weitere Wirkung sichtbar: Das TAP beeinflusst die Beziehung zwischen Lehrenden und Studierenden. Studierende erleben, dass ihre Perspektiven nicht nur abgefragt, sondern ernst genommen und aufgegriffen werden. Dadurch verändert sich die Dynamik im Kurs spürbar. Lehrende machen ihr Interesse an den Sichtweisen der Studierenden sichtbar, während Studierende berichten, dass sie sich stärker einbezogen fühlen und tatsächlich Einfluss auf die Gestaltung der Lehrveranstaltung wahrnehmen.

Was sagt die Forschung? Zwischen Vielfalt und Fokussierung von Feedback
Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass ein TAP „besseres“ Feedback liefert als klassische Evaluationen. So eindeutig ist es nicht. Eine Studie des ZHQ (erschienen in Evaluation von Studium und Lehre ko-kreativ gestalten) zeigt, dass Fragebögen oft eine größere Themenvielfalt an Feedback erzeugen, das TAP hingegen Themen stärker bündelt und priorisiert. Auch in der Tiefe des Feedbacks gibt es keine klaren Unterschiede. Sowohl im TAP als auch in Fragebögen können sehr konkrete und durchdachte Rückmeldungen entstehen.
Dass das TAP von Lehrenden und Studierenden als hilfreicher erlebt wird, liegt vielmehr am Prozess:

• moderierte Diskussion
• strukturierte Aufbereitung
• ein Nachgespräch mit Perspektivwechsel

TAP-Ablauf an der FH Aachen
TAP-Ablauf an der FH Aachen

All das führt dazu, dass Feedback nicht nur gelesen, sondern wirklich verstanden und eingeordnet werden kann.

Haben Sie auch Interesse, ein TAP in Ihrer Lehrveranstaltung durchführen zu lassen?

Melden Sie sich gerne beim TAP-Team des ZHQ und vereinbaren noch für dieses Semester eine Evaluation in Ihrer Veranstaltung über [email protected]

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Laura Gerards
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