Virtuelle Baustellenrundgänge von Studierenden für Studierende

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Fellowship 2021 der FH Aachen für Prof. Dr.-Ing. Martin Ferger

Antragsidee und Förderung

Um ab dem ersten Semester Praxisbezug in der Lehre zu verankern und optimal auf das Berufsleben vorzubereiten, will Prof. Dr.-Ing. Martin Ferger Masterstudierende Baustellen filmen lassen und sie für Studierende in den frühen Semestern interaktiv zugänglich machen. Virtuelle Baustellenrundgänge können Bacheloranden ab dem ersten Semester Baufachbegrifflichkeiten und deren Zusammenhänge plastisch näherbringen. In dem Projekt von Prof. Dr.-Ing. Martin Ferger soll Lehre mit modernen digitalen Techniken erfahrbar gemacht, die Chancengleichheit und die Lernmotivation der Studierenden erhöht werden. 

Abbildung aus dem Antrag von Prof. Ferger zeigt eine VR-Ansicht mit Navigationspunkten und die verknüpften Infobereiche in der Anwendung und in ILIAS

Dazu gewann er im Oktober 2021 das prestigeträchtige Fellowship für Innovationen in der digitalen Hochschullehre NRW und erhielt für seine Antragsidee 50.000 €. Die Förderung wird durch das Land NRW finanziert und je Hochschule einmal pro Jahr vergeben. Die Jury an der FH Aachen besteht dabei neben zwei FH Aachen-angehörigen Professor:innen aus je einem bzw. einer externe:n Didaktiker:in und Professor:in als auch aus zwei studentischen Vertretungen.

Verständnisschwierigkeiten junger Absolventen auf dem Bau

„Junge Absolventen und Absolventinnen werden in den ersten Wochen Ihrer Arbeitstätigkeit kritisch beäugt und auf Ihre Fertigkeiten hin geprüft und nicht selten ist die Bausprache ein Problem.“

Martin Ferger

Junge Absolventen auf dem Bau haben teilweise Verständigungsschwierigkeiten mit den Mitarbeiter:innen und Polieren auf der Baustelle. „Ich bin in einer Familie von Bauingenieuren, Architekten und Polieren aufgewachsen, Baugrundwissen und deren Begrifflichkeiten sind mir daher geläufig.“, so Ferger. Das ist allerdings nicht üblich, „Ich möchte, dass alle Studierenden die gleiche Chance bekommen. Einfache, aber zentrale Zusammenhänge auf dem Bau sollen künftig auf eine neue Weise erläutert werden und so für mehr Motivation und Grundlagen im Studiengang sorgen. Junge Absolventen und Absolventinnen werden in den ersten Wochen Ihrer Arbeitstätigkeit kritisch beäugt und auf ihre Fertigkeiten hin geprüft und nicht selten ist die Bausprache ein Problem“, erklärt Ferger weiter.

„Wählt man als Aufgabe ein Beispiel aus dem Verkehrswegebau und es sind Bordsteine zu setzen, so ist ein zwingender Prozessschritt das Herstellen der sogenannten Rückenstütze. Während dies für „Bauleute“ ein äußerst geläufiger Begriff ist, entwickeln Fachfremde vielleicht eher Assoziationen zur Orthopädie. Leider trauen sich Studierende gerade in großen Veranstaltungen nicht, ihre Verständnisschwierigkeiten zu äußern und verlieren so immer mehr „den roten Faden“.“

Virtuelle Baustellenrundgänge geplant und konstruiert durch Masteranden

„Der Vorteil daran ist, dass Masterstudierende näher an den Problemen der jungen Studierenden sind als ich. Die Situationsnähe ist höher, als wenn ich die Baustellenrundgänge erstellen würde.“

Martin Ferger

Masterstudierende werden im Rahmen der Pflichtmodule virtuelle Baustellenrundgänge auf echten Baustellen aufnehmen und seminaristisch aufarbeiten. Dabei werden diese als 360°-Bilder digitalisiert, mit Points of Interest und weiterem Wissen verknüpft und dann als frei begehbarer Raum aufgearbeitet. „Der Vorteil daran ist, dass Masterstudierende näher an den Problemen der jungen Studierenden sind als ich. Die Situationsnähe ist höher, als wenn ich die Baustellenrundgänge erstellen würde. Aufgrund meines Vorwissens würde ich viele Dinge gar nicht wahrnehmen, die aber für das Verständnis eines Bacheloranden wichtig sind.“, erläutert Ferger. Bachelorand:innen können diese Räume dann als Informationsquelle nutzen und ihr Baufachwissen verbessern.

Die benötigte Technik für die Aufnahme ist dabei einfach gehalten, abspielen kann man die Rundgänge sowohl auf dem PC-Bildschirm als auch optional mit einem Card Board (mittels eingeschobenem Handy) oder einer VR-Brille, um die Immersion zu erhöhen. Das ganze System wird dabei in ILIAS eingebettet, so dass auch weitere multimediale Inhalte, Quizzes oder Foren damit verknüpft werden können. 

Screenshot aus der VR-Anwendung zeigt interaktiven Lageplan, Infopunkt und nächsten Orientierungspunkt

„Dabei ersetzen die Rundgänge nicht die Tiefe der Lehre, sondern sind am unteren Rand des Wissensniveaus angesiedelt – das aber für das Verständnis vieler Zusammenhänge in unterschiedlichsten Fächern sehr wichtig ist.“

Martin Ferger

Zur Einordnung in den Bachelorstudiengang stellt Ferger fest: „Dabei ersetzen die Rundgänge nicht die Tiefe der Lehre, sondern sind am unteren Rand des Wissensniveaus angesiedelt – das aber für das Verständnis vieler Zusammenhänge in unterschiedlichsten Fächern sehr wichtig ist. Für die Vermittlung und Einordnung der rudimentären bauchfachlichen Grundbegriffe ist in der Lehre kaum Raum und Zeit. Vielleicht schafft es das System, der Diversität und Homogenität der verschiedenen Studierenden Rechnung zu tragen. Ähnlich wie bei einem Mathevorkurs, der Studierende optimalerweise da abholt, wo sie stehen. Ich sehe den Wissenstransfer durch die Baustellenrundgänge ähnlich wie bei Tutoren, bei denen erfahrene Studierende jüngere Studierende mit Ihrem praktischen Wissen unterstützen.“

Einen weiteren Vorteil der digitalisierten Baustellen zu den in den Semestern festgelegten und verpflichtenden Exkursionstermine, die nicht immer in der optimalen Bausituation stattfinden können, erläutert Ferger: „Als Beispiel haben wir diesen Dezember einen Exkursionstermin, bei dem die Baustelle vermutlich erst ganz am Anfang steht. Ein späteres Stadium wäre für die Studierenden viel interessanter und gewinnbringender. Die Digitalisierung einer Baustelle in einem optimaleren und spannenderen Stadium, z.B. wie im Corona-Jahr 2020 am Köln-Deutzer Bahnhof, hätte die Baustelle für nachfolgende Studierende konserviert und anschaulich für die Lehre festgehalten.“ Künftig werden so auch gefährliche Baustellen oder -abschnitte, virtuell und dauerhaft in der Lehre eingesetzt werden können. Aber auch große Studierendenkohorten könnte das System besser abfangen, Studierenden mit (temporären) Einschränkungen so mehr Erfahrungsmöglichkeiten gegeben werden. Die virtuellen Rundgänge können so eine ideale Ergänzung zu den realen Exkursionen darstellen.

Denkbar wären auch virtuelle Rundgänge in vielen anderen Fächern des Bauingenieurwesens, wie in der Baustofflehre oder dem Holzbau, auch Tunnelbaustellen könnten so einfach abgefilmt und Interessierten Lernenden zur Verfügung gestellt werden. „Man könne einfach ein Quiz zur Lernstandskontrolle hinten anhängen und es so unproblematisch in die eigene Lehre einbinden.“, erzählt Ferger. Die Aufnahme und Nachbearbeitung seien relativ kostenarm und einfach durchzuführen.

Für den Start einer so großen Idee benötigt Martin Ferger jedoch Hilfe: „Alleine kann ich den Aufbau des Systems und die redaktionelle Sicherstellung der virtuellen Baustellenrundgänge nicht leisten“, daher sucht Martin Ferger künftig Wissenschaftliche Hilfskräfte mit Bachelorabschluss, die sowohl Leistungsbereitschaft als auch echte Baustellenerfahrung haben.

Baubetriebe unterstützen das Lehrvorhaben

Der Förderkreis Baubetrieb, in dem viele Baubetriebe aus Aachen und Umgebung Mitglied sind und Martin Ferger neuerdings auch Geschäftsführer ist, sieht diese digitale Entwicklung in der Lehre äußerst positiv. Baubetriebe aus der Region Aachen haben oft eine tiefe Verbindung zur FH Aachen, weil dort viele Absolvent:innen in den letzten Jahrzehnten einen Arbeitsplatz gefunden haben. „Die Betriebe sind daran interessiert, jungen Studierenden früh die Möglichkeit zu geben, praktische Zusammenhänge auf dem Bau zu erkennen und so besser ausgebildete Fachkräfte zu fördern. Außerdem bekommen die Betriebe auch die Möglichkeit, so mit den Masterstudierenden tiefer ins Gespräch zu kommen um sie besser kennen zu lernen.“, erzählt Ferger.

Durch diese und weitere Unterstützung von Baubetrieben mangelt es auch nicht an Baustellen, die bald für die Lehre digitalisiert werden können.

Die erste virtuelle Version eines Baustellenrundgangs ist bereits auf positive Resonanz gestoßen, erzählt Ferger: „Unternehmen erzählen, dass das System super ist, da es bei neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die frisch aus der Hochschule kommen, oft an der Sprache hapert. Es fehlen Grundbegriffe und das hat Potential. Auch Studierende aus dem 5. Semester berichten schon erstes positives, das System sei „sehr hilfreich“.“

Rundgänge selbst erleben oder in die eigene Lehre einbinden

Interessierte, die das System in der eigenen Lehre anwenden wollen, können sich gerne an Martin Ferger wenden. Er ist daran interessiert, das System auch mit weiteren Inhalten zu füllen, dabei können diese auch fachfremd sein. „Ob es um einen Konzertsaal voller Musikgeräte geht oder andere praktische Prozesse wie im Maschinenbau, die normalerweise Studierende nicht erfahren. So kann die FH Aachen ihr Image als innovative Hochschule weiter fördern und Studieninteressierte für ein Studium an der FH Aachen motivieren.“, sagt Ferger.

Es ist bereits eine Beta-Versionen eines virtuellen Baustellenrundgangs mit multimedialen Inhalten öffentlich begehbar:

https://baubetrieb-aachen.de/VRDemo/index.htm

Martin Ferger

Prof. Dr.-Ing. Martin Ferger lehrt seit 2019 in der FH Aachen im Fachbereich 2 im Studiengang Bauingenieurwesen unter anderem Bauorganisation und Baumanagement. Link: https://www.fh-aachen.de/menschen/fergeR.

Eine Übersicht aller Fellowships der FH Aachen finden Sie in ILIAS https://www.ili.fh-aachen.de/goto_elearning_cat_285527.html

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