Wie lässt sich eine Studieneingangsphase gestalten, in der Studierende mit unterschiedlichen Voraussetzungen gut ankommen können? Im Rahmen des 4S-Projektes wurde dieser Frage gemeinsam mit den Fachschaften der FH Aachen nachgegangen. Mit einem neuen Reader liegt nun ein erstes greifbares Ergebnis dieser Projektarbeit vor. Er bündelt bestehende Ansätze, Erfahrungen und Entwicklungsmöglichkeiten und macht damit sichtbar, wie Inklusivität beim Studienstart bereits heute praktisch gestaltet wird.
Der Beginn eines Studiums ist eine besondere Übergangsphase. Studienanfänger müssen sich fachlich orientieren, neue Hochschulstrukturen kennenlernen und häufig gleichzeitig ein neues soziales Umfeld erschließen. Dabei bringen sie unterschiedliche Voraussetzungen mit: Einige ziehen für das Studium neu nach Aachen oder Jülich, andere pendeln. Manche finden schnell Zugang zu großen Gruppen und Veranstaltungen, andere fühlen sich in kleineren Formaten wohler. Auch sprachliche Voraussetzungen, Ernährungsbedürfnisse oder individuelle Anforderungen können beeinflussen, wie Studierende die ersten Tage an der Hochschule erleben.
Die Gestaltung der Studieneingangsphase steht damit vor einer anspruchsvollen Aufgabe: Sie soll Orientierung und Gemeinschaft ermöglichen, ohne davon auszugehen, dass alle Studienanfänger dieselben Voraussetzungen und Bedürfnisse mitbringen.
Ein Reader aus der Praxis der Fachschaften
Genau hier setzt der im 4S-Projekt entstandene Reader zur Steigerung der Inklusivität in der Studieneingangsphase an. Seine Grundlage bilden Gespräche mit Fachschaften der FH Aachen über die Gestaltung ihrer Studieneingangsangebote. Dabei zeigt sich zunächst eine erfreuliche Erkenntnis: An vielen Stellen existieren bereits Maßnahmen, die unterschiedliche Bedürfnisse von Studienanfänger berücksichtigen. Die Bandbreite ist groß. Sie reicht von digitalen Informationsangeboten und Kleingruppenformaten über Angebote für Pendler und unterschiedliche Verpflegungsmöglichkeiten bis hin zu Rückzugsräumen, Sicherheitskonzepten und alkoholfreien Begegnungsformaten. Der Reader versteht diese Ansätze nicht als starre Blaupause für eine „ideale Erstiwoche“. Vielmehr macht er vorhandene Erfahrungen sichtbar und fragt danach, welche Prinzipien sich daraus für die Weiterentwicklung der Studieneingangsphase ableiten lassen. Zwei Beispiele verdeutlichen diesen Ansatz.
Unterschiedliche Wege in die Gemeinschaft ermöglichen
So bietet der Fachschaftsrat Maschinenbau und Mechatronik (FSR 8) mit „QSK – Quatschen, Spielen, Kennenlernen“ ein ausdrücklich alkoholfreies Format für den sozialen Austausch an. Auf den ersten Blick ist das eine einzelne Veranstaltung innerhalb eines umfangreicheren Erstsemesterprogramms. Interessant wird das Beispiel jedoch durch das Prinzip, das dahintersteht: Studierende unterscheiden sich darin, wie und in welchen Situationen sie soziale Kontakte aufbauen möchten. Partys und größere Abendveranstaltungen können für viele Studierende wichtige Orte des Kennenlernens sein. Sie erreichen aber nicht zwangsläufig alle. Ergänzende Angebote eröffnen weitere Zugänge zur Gemeinschaft. Ein Spieleabend, ein gemeinsames Frühstück, eine Wanderung oder ein offener Treffpunkt kann für Studierende eine niedrigere Schwelle bieten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Inklusivität bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, ein bestehendes Format durch ein anderes zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, unterschiedliche Möglichkeiten der Beteiligung nebeneinander anzubieten. Gerade dieses Prinzip lässt sich vergleichsweise einfach übertragen. Bei der Planung kann die Frage hilfreich sein: Bieten wir unterschiedliche Wege an, über die Studienanfänger* miteinander in Kontakt kommen können?*
Inklusivität beginnt bereits bei der Planung
Ein zweites Beispiel findet sich beim Fachschaftsrat Elektrotechnik und Informationstechnik (FSR 5). Dort kommt mit PORTALS ein selbst entwickeltes digitales Werkzeug für die Organisation der Studieneingangsphase zum Einsatz. Über das System können bereits vor Beginn der Veranstaltungen Informationen der Teilnehmenden erfasst und für die Organisation berücksichtigt werden. Die Bedürfnisse der Studierenden z.B. rund um Frühstück und Getränke können dort abgefragt werden. PORTALS unterstützt darüber hinaus beispielsweise die Gruppeneinteilung und die Bereitstellung weiterer organisatorischer Informationen. Auch hier ist weniger das konkrete Werkzeug entscheidend als der dahinterstehende Gedanke: Inklusivität beginnt nicht erst in dem Moment, in dem eine Veranstaltung stattfindet. Sie beginnt bei ihrer Planung. Wer relevante Bedürfnisse frühzeitig kennt, kann sie bereits bei der Organisation berücksichtigen. Das kann Ernährungsbedürfnisse ebenso betreffen wie Fragen der Mobilität oder andere Anforderungen, die für eine Teilnahme relevant sind. Für die Übertragung dieses Ansatzes ist daher auch kein eigenes digitales System zwingend erforderlich. Schon bei der Anmeldung zu einer Veranstaltung kann überlegt werden, welche Informationen benötigt werden, um möglichst unterschiedlichen Studierenden eine gute Teilnahme zu ermöglichen. Damit verändert sich auch die Perspektive auf die Organisation: Statt ausschließlich darauf zu reagieren, wenn während einer Veranstaltung ein konkreter Bedarf sichtbar wird, können unterschiedliche Voraussetzungen von Beginn an mitgedacht werden.
Von einzelnen Maßnahmen zu übertragbaren Prinzipien
Die Gespräche mit den Fachschaften zeigen, dass Inklusivität in der Studieneingangsphase selten von einer einzelnen großen Maßnahme abhängt. Häufig sind es viele kleinere Entscheidungen, die zusammengenommen einen Unterschied machen. Wie erhalten Studienanfänger ihre Informationen? Gibt es mehr als eine Möglichkeit, andere Studierende kennenzulernen? Werden Bedürfnisse frühzeitig erfragt? Können auch Pendler an sozialen Angeboten teilnehmen? Gibt es Rückzugsmöglichkeiten? Und ist transparent, an wen sich Studierende wenden können, wenn sie Unterstützung benötigen? Viele Fachschaften haben auf solche Fragen bereits eigene Antworten gefunden. Genau darin liegt ein wesentlicher Mehrwert des Readers: Diese Erfahrungen bleiben nicht auf einzelne Fachbereiche beschränkt, sondern werden als gemeinsamer Erfahrungsschatz sichtbar und zugänglich. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, erfolgreiche Angebote unverändert von einem Fachbereich auf den nächsten zu übertragen. Fachkulturen, Standorte, Gruppengrößen und organisatorische Voraussetzungen unterscheiden sich. Übertragbar sind jedoch häufig die grundlegenden Ideen hinter einer Maßnahme. Aus einem alkoholfreien Kennenlernformat lässt sich beispielsweise die allgemeinere Frage ableiten, ob es unterschiedliche Zugänge zur sozialen Gemeinschaft gibt. Aus der Bedarfserfassung über PORTALS entsteht die Frage, welche Voraussetzungen der Teilnehmenden bereits bei der Planung berücksichtigt werden können.
Gute Praxis sichtbar machen und voneinander lernen
Der Reader ist damit mehr als eine Sammlung einzelner Ideen für die Erstiwoche. Er dokumentiert, wie Fachschaften an der FH Aachen bereits heute daran arbeiten, Studienanfänger mit unterschiedlichen Voraussetzungen einen guten Einstieg zu ermöglichen. Gleichzeitig macht die Zusammenstellung sichtbar, welches Potenzial im Austausch dieser Erfahrungen liegt. Eine Lösung, die in einem Fachbereich entstanden ist, kann einen Impuls für einen anderen Fachbereich geben – auch wenn sie dort am Ende ganz anders umgesetzt wird. Mit dem Reader liegt nun ein erstes greifbares Ergebnis aus der Arbeit des 4S-Projektes vor. Vor allem aber schafft er eine Grundlage, um miteinander über die Gestaltung der Studieneingangsphase ins Gespräch zu kommen. Denn Inklusivität beim Studienstart entsteht nicht durch ein einzelnes perfektes Angebot. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Bedürfnisse wahrgenommen, verschiedene Zugänge ermöglicht und gute Erfahrungen miteinander geteilt werden.
Mehr erfahren
Der vollständige Reader zur Steigerung der Inklusivität in der Studieneingangsphase bündelt weitere Praxisbeispiele, Erfahrungen und Anregungen aus den Fachschaften der FH Aachen. Der Reader versteht sich dabei als lebendes Dokument: Er wird im weiteren Projektverlauf kontinuierlich ergänzt und überarbeitet, sodass neue Erfahrungen, Ansätze und gute Praxis aus den Fachschaften aufgenommen werden können.
Den jeweils aktuellen Stand des Readers finden Sie hier: https://fh-aachen.sciebo.de/s/73fR6RYsoTHrJZ3
Dieser Text wurde mit Hilfe von KI erstellt.

Peter Schreiber
Kompetenzentwicklung für Studierende | Teaching Analysis Polls